Homepage von Albert Hirschbichler

Geschichten und Bilder

Tre mal Tremalzo

(Mit dem Handbike zum Tremalzopass)

Datum 31.10.2015


Im ersten Weltkrieg zur Versorgung militärischer Stellungen erbaut ist das alte Kriegssträßchen durch die Südflanke des Tremalzo in der Nähe des Gardasees heute ein Muss für jeden rechtschaffenen Mountainbiker. Immerhin 1800 Höhenmeter liegen zwischen dem Seespiegel und dem höchsten Punkt auf 1850 Meter. Vor ewigen Zeiten fuhren wir zur Abwechslung vom Klettern mal hoch, Bernhard und ich. Vom Campingplatz in Arco nach Limone, in Erinnerung blieben mir die langen Straßentunnels, ich kein Licht, eher unangenehm. Von dort ging es nur noch aufwärts, undeutliche Erinnerungen an ein kleines Asphaltsträßchen weiter oben, nicht besonders steil, landschaftlich reizvoll. Dann die eigentliche Tremalzostraße, kein Aspalt mehr, steiles Gelände, Schotter, wollte kein Ende nehmen, wie mir schien. Oben schob ich das Rad, weniger aus Kraftmangel, mehr aus allgemeiner Lustlosigkeit. Am Scheitelpunkt ein Tunnel, spart 50 Höhenmeter. Auf der anderen Seite sieht es ganz anders aus, sanft geneigte Wiesen, Wald, eine komfortable Asphaltstraße. Dort fuhren wir runter und über den Ledrosee zurück. Zweifellos eine großzügige Unternehmung.

 

Nach dem blöden Kletterunfall fuhr ich einige Jahre nicht mehr zum Gardasee, bis sich die Gesamtlage wieder einigermaßen normalisiert hatte. Neurorientierung nennen es die Psychologen. An den Tremalzo dachte ich lange nicht mehr, aber irgendwann kam es mir in den Sinn: dort mit dem Handrad hinauf, das wär´ doch auch mal was.

 

1. Anlauf

Jahrelang ging mit dem Projekt nichts voran. Ende Oktober 2010 beschließe ich spontan hinzufahren. Allein. Das Wetter ist schön, aber von den Bergen um den Gardasee lächelt der erste Schnee herunter. Alles weiss. Schön anzuschauen, aber mit dem Radl brauche ich gar nicht erst loszufahren. Halbherzig fahre ich am nächsten Tag das Sarcatal hinauf, finde ab Sarche keinen Radweg mehr, an einem See entlang führt ein schmaler Fußweg, danach, in Richtung Vezzano, nur noch die Hauptverkehrsstraße, lange Steigung, Hitze, ich immer knapp am Randstein, LKW´s donnern vorbei, ein zweifelhaftes Vergnügen. Irgendwann dreh ich um und fahre das ganze wieder retour. Ziemlich matt komme ich zum Hotel zurück. Komisch, ich hielt meine Form für gar nicht so schlecht. Gott sei Dank hatte es schon geschneit. Am Tremalzo wär´ ich nicht weit gekommen.


Bilder

1-3   Am Tremalzo lag Ende Oktober 2010 schon ordentlich Schnee. So musste das Projekt

         Befahrung mit dem Handbike abgeblasen werden. Mit dem Auto fuhr ich hoch.



2. Anlauf

Anfang September 2011, Anreise am Freitag, diesmal mit weiblicher Begleitung. Die Form scheint nicht schlecht. Zwei Wochen zuvor fuhr ich die Glocknerstraße hoch, als Generalprobe. 1550 Höhenmeter, anstrengend, aber es ging. Recht viel weiter ist der Tremalzo auch nicht, dachte ich mir. Am Samstag um 9 starten wir in Limone am Seeufer, dass kein Höhenmeter verloren geht. Die Asphaltstraße nach Tremosine ist schon ganz schön steil und die Sonne brennt unbarmherzig. Am Beginn des Valle di Bondo haben wir immerhin 600 Höhenmeter geschafft. Weit hinten und noch weiter oben sieht man von dort zum ersten mal die Serpentinen des Tremalzopasses. Ein Stück geht es flach dahin, dann führt ein Asphaltsträßchen über Kehren zum Passo Nota hoch. Noch einmal 600 Höhenmeter bis dorthin. Die Hitze macht sich bemerkbar, ziemlich erledigt bin ich als wir endlich dort ankommen. Auf einer Almwiese pausieren wir. Ab jetzt geht’s richtig los! Ich hatte mit einem zwar schmalen, aber doch einigermaßen befahrbaren Weg, ähnlich einer Forststraße, gerechnet. Dem ist aber nicht so. Von Anfang an liegt grober Schotter.

Und der ist so grob, dass man eher das Gefühl hat sich eher in einem Flussbett aufzuhalten als auf einem Fahrweg. Von den Radfahrern ist eine schmale Spur ausgefahren. Leider ist so ein Handbike dreirädrig, sodass in der Spur nur das Vorderrad Platz findet. Das ist kein Fahren, das ist eine Zumutung! Ein Stück weit quäle ich mich hinauf. Noch 600 Höhenmeter bis oben! Nicht zu schaffen! Unmöglich! In einer Kurve kehren wir um. Das war Anlauf Nummer zwei. Die wesentliche Erkenntnis: Von Süden kommt kein Handradfahrer hoch! Niemals! Bleibt nur die Nordauffahrt mit Abfahrt nach Süden runter. Wann? Irgendwann. Vielleicht...

 

3. Anlauf – und es ging doch

Ende Oktober 2015. Ich war fleißig mit dem Handrad unterwegs. Einige steile Auffahrten liegen hinter mir: Waidringer Steinplatte, Kitzbüheler Horn, Rossfeld, Loferer Alm und andere. Die Saison ist eigentlich vorbei. Drei Tage Wellness am Achensee gerade recht für meine müden Knochen. Ausspannen, ein bisschen Radfahren natürlich auch. Kleine Ziele. Bisschen am See entlang und mit dem Schiff zurück. Die Karwendeltäler bei schönstem Herbstwetter, wundervoll. Die Begleiterin verabschiedet sich, leider ist der Urlaub aus. Mich freut das Heimfahren aber überhaupt nicht. Was tun? Am Gardasee ist´s immer schön. Also nichts wie hin! Langsam. Den Österreichern tu ich nicht noch mal den Gefallen, auf der Autobahn ein paar lächerliche Kilometer schneller als die erlaubten 100 km/h („IG-L“) zu fahren. Als es irgendwo blitzte, hielt ich das für ein Missverständnis, eine Fehlauslösung. Der Strafzettel kam trotzdem. 50.- Eur für kaum mehr als 10 km/h zu schnell eine Frechheit im Land der Schneekanonen. Egal. Vorbei. Bei bedecktem Wetter komme ich am späten Nachmittag in Riva an. Die Pizza schmeckt wieder göttlich. Allein dafür hätte sich die Anfahrt rentiert.

 

Am nächsten Tag regnet es, wie vom Wetterbericht vorhergesagt. Den Tag verbringe ich vorwiegend im Bett, lese, lasse mich vom Fernseher berieseln, komisch wenn man kein Wort versteht, da ist man froh um Fußball. Eine Regenpause am Nachmittag nütze ich zur Aufbesserung meiner Grappabestände daheim, die bedenkliche Tiefstände erreicht haben.

Am nächsten Tag soll es laut Wetterbericht wieder schön werden. Tatsächlich lichten sich am Abend die Wolken und am nächsten Morgen ist der Himmel wolkenlos. Beim Herfahren hatte ich noch gar nicht dran gedacht, aber jetzt fällts mir ein: da war doch was – der Tremalzo! Jetzt bin ich schon mal da, die Form dürfte nicht schlecht sein, das Wetter bestens, aber: ich bin allein. Ich weiß nicht warum mir mulmig zumute ist.

 

Nach Anlauf 2 hatte ich umfangreiche Überlegungen angestellt, wie mit dem Projekt weiter zu verfahren sei. Die einzige Möglichkeit hinaufzukommen ist, wie gesagt, die Auffahrt über den Ledrosee von Norden her. Und da haben wir gleich das erste Problem: wie kommt man mit dem Handrad zum Ledrosee? Ein kilometerlanges Straßentunnel ist für Radfahrer gesperrt. Für die besteht die Möglichkeit, von Riva über die alte Ponalestraße zum oberen Ende des Tunnels zu gelangen zum Beginn eines Radweges dort. Der ist teilweise steil, zwei Betonrampen sind gerade noch fahrbar. Die 600 Höhenmeter zum See vorwiegend auf Sand oder Schotter mit den extrem steilen Rampen kosten Zeit und gehen natürlich nicht spurlos an den Armen des Handradfahrers vorüber. Und dort geht es nach einigen flachen Kilometern erst richtig los! Überflüssig die Erwähnung, dass die Tage Ende Oktober nicht mehr die längsten sind.

 

Somit kommt als Ausgangspunkt für meine Tremalzo-Tour im Moment nur der Ledrosee in Frage. Aber für heute ist es sowieso schon zu spät. Zur Einstimmung der Arme beschließe ich, die immer wieder schöne Runde zum Lago di Cavedine und über den neuen Radweg unterm Monte Brento zurückzufahren, etwa 50 Kilometer, aber ohne jeden Stress!

 

Am Abend richte ich alles her. Auch einen warmen Anorak. Wenn ich durch irgendeine Panne blockiert werde... niemand mehr vorbei kommt... gerade dort das Handy keinen Empfang hat... die Temperatur dann in der Nacht unter Null fällt... Die Phantasie kriegt Flügel.

 

Um 8.30 Uhr fahre ich mit meinem geschätzten Handrad am Ledrosee los. Zunächst am See lang, dann in mäßiger Steigung dem Val di Ledro folgend. Schließlich ein Schild: „Tremalzo“. Jetzt geht’s richtig los! Ein schmales Sträßchen führt links ab, dem folge ich. Es geht gleich ordentlich bergauf, immer steiler, schließlich eine Betonrampe, feucht und schlüpfrig durch Laub und Fichtennadeln. Mit Müh und Not komme ich hoch. Das fängt ja gut an! Meine armen Arme! Der zweifelhafte Weg, eine Abkürzung, mündet zum Glück bald in die richtige Straße. Das ist gleich ganz was anderes. Frisch asphaltiert geht es in angenehmer Steigung durch Wald über viele Kehren hinauf. Ich fahre langsam und spare meine Kräfte.

 

Nach zwei Stunden vermelden meine Arme trotzdem unmissverständlich das Bedürfnis nach einer Pause. Ich esse ein Semmelchen, das ich vom Frühstück abgezweigt habe, ein Schluck Wasser, weiter. Die Pause scheint nicht viel genützt zu haben, es kommt kein Schwung mehr auf und ich muss mich ziemlich plagen, obwohl es nicht steil ist. Froh bin ich um ein Flachstück, von dort sieht man zum ersten mal ganz hinauf, wo ich hin muss. Oje...Im Moment freut´s mich überhaupt nicht mehr und ich fühle mich ganz schlapp.

 

Oben wird der Wald lichter, geht in Almgelände über. Wieder zwei Stunden später muss ich unbedingt nochmal eine Pause einlegen. Vor dem zweiten Semmelchen graust es mir, aber einen Müsliriegel krieg ich runter. Wie schön wäre es hier einfach sitzen zu bleiben, in der Sonne, im Gras ausgestreckt ein kleines Schläfchen. Geht nicht! Ich muss weiter, fühle mich aber plötzlich wie ausgewechselt. Liegt´s am Müsliriegel oder an der grandiosen Aussicht? Ringsum Berge, die Dreitausender der Adamello-Presanellagruppe im Norden leuchten im makellosen Weiß des ersten Schnees.

 

Über eine Wiese führt die Straße zum Rifugio Garda auf 1700 Meter hoch, wo die Asphaltstraße endet. Ich bleibe gar nicht stehen. Es folgt ein Schotterweg, einen Hang querend, am Anfang relativ flach, dann steiler, zum Schluss eine Serpentine, gerade noch dass die Reifen im losen Schotter greifen. Nur noch ein paar Meter zum höchsten Punkt auf 1850 Meter. Schließlich das Tunnel. Geschafft!

 

In einer Beschreibung steht, dass bei dem Tunnel öfters die Decke einstürzt und man im groben Schotter nicht weiterkommen soll. Schauermärchen. Bei der Durchfahrt gibt es keine Probleme, es geht sogar leicht bergab. Am Tunnelende eine andere Welt. Steiles felsiges Gelände, über Serpentinen führt das Sträßchen hinab. Ein aberwitziges Unternehmen, hier eine Straße zu bauen. Eine wilde Landschaft. Ich fühle mich unbeschwert und frei.

Wie lange träumte ich davon hier zu sein!

Im groben Schotter ist nur Schrittgeschwindigkeit möglich. Egal. Es rollt von allein, keine Anstrengung mehr, nur Schauen. Bei der Auffahrt fuhren einige Taxibusse vorbei, offenbar besteht die Möglichkeit, Mensch und Material auf diese Weise zum Tremalzo befördern zu lassen. Angenehm. Aber das Kontrasterlebnis haben die nicht – und wenn sie noch so bunt, nach Art der Papageien – gekleidet sind.

 

Immer wieder kommen rampenähnliche Passagen, die ziemlich steil sind, mit blankem scharfkantigem Fels. Ich muss aufpassen, dass ich nicht mit dem Rahmen aufsitze, außerdem bemühe ich mich um eine reifenschonende Linie. Ein Platten ginge mir gerade noch ab! Aber alles geht glatt und ich komme ohne Zwischenfälle tiefer. Die Aussicht ist wundervoll. Im Vordergrund die Felsgrate der Tremalzo-Südflanke, ringsum Berge im warmen Licht der tief stehenden Sonne, in den Tälern Dunst – Stimmungen wie sie nur der Herbst bietet.

 

Die 600 Höhenmeter zum Passo Nota hinab ziehen sich ganz ordentlich. Das Sträßchen

folgt dem Kammverlauf, teilweise ist es gut zu fahren, meistens aber liegt grober Schotter.

Als ich schließlich unten ankomme, sind Mensch und Material in ordentlicher Verfassung, was erfreulich ist. Auf dem mir bereits bekannten Asphaltsträßchen fahre ich weiter hinab nach Tremosine und hinunter zum Gardasee, wo ich um 16.30 Uhr ankomme. Mit dem Schiff geht’s zurück nach Riva, mit Taxi zurück zum Auto. Die Pizza hab ich mir heute wirklich redlich verdient. Froh bin ich, dass das langjährige Ziel verwirklicht werden konnte und ich nicht noch ein paar mal hinfahren muss.

 

Als ultimative Herausforderung für leidensfähige Handbiker verbleibt das Projekt den Tremalzopass von ganz unten, ab Gardasee, in einem Tag zu befahren. Bewerbern wünsche ich jedenfalls viel Spaß!

 

Bilder
1-4   Tremalzo Südrampe, hinten die frisch verschneite Adamello-Presanella Gruppe
  5     Blick nach Süden in Richtung Gardasee
  6     Herbststimmung in der Tremalzo-Südflanke
7-9   Tremalzo-Südauffahrt. Ein aberwitziges Straßenprojekt aus dem 1. Weltkrieg
 10    Alte Kriegsunterkunft
 11    Seltener Gegenverkehr
 12    An den Ufern des Gardasees