Homepage von Albert Hirschbichler

Geschichten und Bilder

Rund um die Zugspitze (2x)

27. 5. 2016  und 16. 9. 2018


1) 

27.5.2016

Wecker kennen keine Gnade. Sie läuten und wenn es 4 Uhr morgens ist. Aber heute ist ein früher Aufbruch ratsam. Gut zwei Stunden Anreise nach Garmisch-Partenkirchen liegen vor uns, bevor es mit unserem Projekt, mit den Handbikes die Zugspitzrunde zu umrunden, losgehen kann. Als Treffpunkt mit Toni und seiner Frau Gitti, die von Augsburg her kommen, wird der große Parkplatz am Olympia-Eisstadion vereinbart. Dort angekommen, gedenke ich erst einmal ein kräftigendes Müsli-Frühstück einzunehmen. Schüsselchen, Löffel, Milch, Zucker, Bananen, alles hab ich eingepackt, nur nicht das Müsli. Das geht ja gut los. Ein kümmerlicher Müsliriegel als Frühstück ist die angemessene Strafe für meine Vergesslichkeit.

 

Pünktlich kommen auch die beiden anderen an. Um 8 Uhr fahren wir los. Ein gepflegter Radweg führt entlang der Loisach, leider hört der Asphaltbelag dann auf. Ein Stück befahren wir den folgenden Schotterweg, als das gar nicht aufhören will weichen wir auf die B 23 aus. Nach Ehrwald geht es immer leicht bergauf und 25 Kilometer sind es auch. Das Fahren auf der verkehrsreichen Straße ist nicht so lustig, froh bin ich als endlich Ehrwald auftaucht. Zur Talstation der Ehrwalder Bahn nimmt die Steigung zu. Mein Frühstücks-Müsliriegel scheint verbraucht zu sein und ich fühle mich ziemlich matt. Hier schon, was soll das! Bei der Bahn machen wir erst mal Pause und es geht mir gleich wieder besser. Zum Glück, denn hier beginnt das Asphaltsträßchen, das durchwegs steil 500 Höhenmeter zur Ehrwalder Alm hinauf führt.

 

Durch lichten Wald unter den Wänden des Wetterwandecks geht es dahin, es ist wirklich steil.

Oft bleiben wir stehen, anders geht das nicht. Ein Scherzbold auf seinem Mountainbike meint, dass wir es gut hätten, weil wir die Beine schonen können. Er selber plagt sich aber auch nicht schlecht mit seinem Schmerbauch. Schließlich das Almgelände, das mir schon von der Webcam her bekannt ist. Vier Tage zuvor war noch alles weiss, 10 cm Neuschnee nach Wettersturz. Aber davon ist nichts mehr übrig. Auf der sonnigen Terrasse der Ehrwalder Alm machen wir erst mal eine ausgiebige Pause. 100 Höhenmeter auf Sand und Schotter fehlen noch zum höchsten Punkt auf 1600 Meter, von wo es fast nur noch bergab geht bis Mittenwald. Das Knödlduo in meinem Bauch drückt ziemlich beim Losfahren, zum Glück ist es nicht mehr weit. Endlich oben! Auf der anderen Seite geht es hinab ins Gaistal, eine komfortable Sandstraße, nie steil. Vorbei am Igelsee geht es, die Landschaft ist selten schön, wir brauchen nur zu rollen und schauen.

 

Weiter unten kommen wir auf die Asphaltstraße nach Leutasch. Im Tal der Leutascher Ache geht es weiter in Richtung Mittenwald. Die Landschaft ist immer noch wundervoll, ein weites Tal, überall Blumenwiesen, hoch droben die Kalkgipfel der Wettersteinberge. Für den Handbiker erfreulich ist außerdem, dass es immer leicht bergab geht, wir kommen mühelos und rasch voran. Eine Engstelle vor Mittenwald, die Geisterklamm, dort geht es etwas steiler hinunter. In Mittenwald merken wir, dass wir leider an der Abzweigung zum Lauter- und Ferchensee vorbei gefahren sind. Mist. Also noch mal zurück. Aber weit ist es nicht. In einer Kurve ist die Abzweigung. Der Anstieg sah im Höhenprofil harmlos aus, aber es ist weiter als gedacht. Es ist gnadenlos heiß und der Frischeste bin ich auch nicht mehr. Nach dem Ferchensee verfahren wir uns auch noch und fahren auf Forststraßen am Kleinen Kranzberg herum. Immer weiter geht es bergauf. Ich habe die Beschreibung nur im Kopf. Irgendwas stimmt da nicht. Schließlich kommen wir doch nach Elmau. Ärgerlich, besonders als wir dort erfahren, dass es vom Ferchensee nach Elmau auf dem richtigen Weg nur bergab gegangen wäre. Laut Beschreibung ginge es von dort ins Reinthal und auf dem Hohen Weg zurück nach Garmisch, mit einem Gegenanstieg von gut 200 Metern. Das Wetter sieht gewittrig aus und rechte Lust hat auch keiner mehr nach dem blöden Ausflug zum Kleinen Kranzberg. So beschließen wir, nach Klais hinab und von dort nach Garmisch zurück zu fahren. Ein Gegenanstieg wartet noch, bevor es endlich bergab geht auf der für den G7 Gipfel 2015 neu asphaltierten Zufahrtsstraße zum Schloss Elmau. 200 Milliönchen kostete das zweitägige Treffen, wo wahrscheinlich eh wieder nichts Gescheites herausgekommen ist. Das hätte man billiger haben können! Aber uns fragt ja keiner. Egal. Bald kommen wir nach Klais. In unerfreulich weiter Entfernung sieht man von dort die Zugspitze stehen. Erfreulicherweise findet sich aber ein schöner Radweg und noch erfreulicher ist, dass es bis Garmisch fast nur bergab geht. Die Gewitterwolken über Mittenwald, wo wir hergekommen sind, holen uns auch nicht mehr ein. Eine große Unternehmung mit großartigen landschaftlichen Eindrücken liegt hinter uns. Erfreulich auch, dass die Kräfte noch so weit reichen. Weil die jüngsten sind wir auch nicht mehr mit unseren zusammen bald 117 Jährchen (ohne Begleitfrauen). 

Zur Statistik wäre noch anzumerken, dass wir 88 Kilometer und so um die 1500 Höhenmeter gefahren sind.

 

 

Bilder

1 Das Asphaltsträßchen zur Ehrwaldalm hoch ist steiler als es aussieht.

2 Kurz vor dem höchsten Punkt auf 1600 Meter. Auch dem Anton reicht´s langsam. 

3 Hinunter geht´s durchs Gaistal nach Leutasch. Vorbei am reizvollen Igelsee.


2)
16. 9. 2018

Im Mai 2016 waren wir schon mal dort. Schöne Tour. Wermutstropfen ein Verhauer am Kleinen Kranzberg und Rückfahrt von Elmau über Klais. Die Originalroute führt durch das Gelände oberhalb der Partnachklamm mit Abfahrt zum Klammende. Das wollte ich auch noch kennenlernen. Also das Ganze nochmal von vorn! Rund um die Zugspitze zum 2.

 

Diesmal bin ich allein.

Um 8.15 fahre ich in Garmisch am Parkplatz der Sprungschanze los. Entlang der Bahntrasse und über Wiesen komme ich in kurzweiliger Fahrt nach Grainau. Der folgende Radweg entlang der Loisach ist asphaltiert und schön zu fahren, bis auf der österreichischen Seite der Asphalt endet. Dann wird´s teilweise grob schottrig und es mag nicht mehr so recht vorangehn. Beim letzten Mal fuhren wir auf der Straße weiter. Heute jede Menge Verkehr, geht nicht, zu gefährlich.

Länger als gedacht brauche ich zur Talstation der Ehrwaldbahn, aber es sind ja immerhin 30 km und 400 Höhenmeter. 11.30 Uhr ist es schon als ich endlich ankomme. Kruzitürken, wo ist die Zeit geblieben?

Ich fühle mich ziemlich matt und mache eine Pause. Die bekannten 400 steilen Höhenmeter liegen vor mir. Weiter. Irgendwie fehlt mir heute die Kraft. Ich muss mich plagen und oft stehenbleiben. Ich überlege schon die ganze Sache abzublasen, aber schließlich komme ich doch zur Ehrwaldalm auf 1520 Meter, wo sich bereits jede Menge Touristen von den Strapazen der Seilbahnfahrt erholen.

Auf der Terrasse ist kaum noch ein Platz zu kriegen. Gleich weiterfahren? Nein. Ich brauche eine Pause. 

Ich bestelle ein Getränk und eine Frittatensuppe. Die Schorle kommt bald aber die Suppe dauert ewig. Und ich muss doch weiter!

Jetzt fangen auch noch zwei mit Singen und Jodeln an. Er mit Lederhose und Zieharmonika, sie in einer Dirndlimitation. Es ist schauerlich. Suppe abbestellen geht auch nicht. Ich kann nicht weg. Irgendwann kommt die Suppe doch.

Schnell zur Hälfte ausgelöffelt... Nichts wie weg von hier! 


Nicht weit ist es zum Höhenrücken, hinter dem das Gaistal liegt und von wo es nur noch bergab geht. 

Nach Leutasch hinunter fahre ich langsam und schaue mir die wundervolle Landschaft an. Von dort in Richtung Mittenwald folge ich der Straße. Meistens geht es leicht bergab und ich komme gut voran. Durch die Geisterklamm fahre ich, der Gegenanstieg zum Lauter- und Ferchensee fällt mir heute leichter als beim letzten Mal. An der Abzweigung wo wir damals falsch fuhren mach ich zur Erinnerung ein Bild. Nach Elmau geht es wirklich nur bergab, wenn man den richtigen Weg nimmt.

Elmau. Fast geschafft denke ich. Jetzt nur noch über Hintergraseck nach Vordergraseck hinüber rollen, vielleicht ein paar kleine Anstiege noch, und dann hinunter zum Parkplatz.


So stellte ich mir das vor. Von einem Wanderparkplatz geht es zunächst bergab. Und das ganz schön weit. Dafür geht’s nach einer Kurve über einen Bach wieder bergauf. Und wie! Ich komme nicht weit, dann ist die Traktion überfordert. Da steh ich jetzt. Was tun? Zurück? Da gehts ganz schön weit bergauf. Und dann könnte ich nur wieder über Klais zurück fahren. Oje. Und ziemlich spät ist es auch schon. Weit und breit kein Mensch. Auf einmal kommen doch noch zwei Biker daher. Es ist mir peinlich, aber ich muss um einen kleinen Schub bitten.


Etwas weiter geht’s wieder allein und die beiden fahren weiter. Es geht ordentlich bergauf, aber ich fahre ohne stehenzubleiben. Vermutlich bin ich so kaputt, dass ich es nicht mehr merke. Es kommen dann noch mehrere Passagen, die ich allein nicht geschafft hätte. Aber die beiden warten jeweils. Meine Retter. Auch die Wegverhältnisse hätte ich mir anders vorgestellt. Vor Hintergraseck ist es eigentlich nur noch eine Traktorspur im Steilhang. Kurz vor den Häusern kommt dann die steilste Stelle überhaupt. Alleine unmöglich. Dann ist es geschafft. Von dort geht es auf einem besseren Weg hinab nach Vordergraseck. Dass von dort eine steile Betonrampe hinunter zum Ausgang der Partnachklamm führt, das wusste ich. Es ist wirklich steil. Zum Angst haben. Ein paar Serpentinen. Ich fahre halbes Schritttempo. In jeder Kurve raucht die Scheibenbremse und ich muss zur Abkühlung stehenbleiben. Ein Bremsversagen würde ein Handbiker vermutlich nicht überleben. Auch bei Nässe könnte man nicht fahren. Zum Glück ist es trocken und ich komme heil unten an. Meine Nerven!

Ein letztes Mal warten meine Retter. Zwei Garmischer. Wir verabschieden uns. Was wäre aus mir geworden wenn sie nicht dahergekommen wären? Mein ewiger Dank gebührt ihnen jedenfalls! Vielleicht lesen sie das ja mal zufällig.

Wenig später bin ich beim Auto und leere erst mal in einem Zug eine Flasche Orangensaft.

Wenn einer glaubt dass man als Schwerbehinderter keine Abenteuer mehr erleben kann, der täuscht sich.


Bilder
1  In einem heissen Sommer trocknet der reizvolle Igelsee fast aus.
2  Im Gaistal.
3  Zum Lauter- und Ferchensee warten Gegenanstiege. 
4  Weggabelung  beim Ferchensee. Links geht´s nach Elmau, rechts zum Kleinen Kranzberg.