Homepage von Albert Hirschbichler

Geschichten und Bilder

Anmerkung: 

Die Reise fand 1998 statt, nicht sehr lang nach meinem Unfall. Aus heutiger Sicht scheint die damalige Grundstimmung nicht die allerbeste gewesen zu sein. Aber ein Wunder ist das ja auch nicht bei einem frischen Rollstuhlfahrer. 



Reisebericht Südfrankreich 1998


Wieder einmal war die Urlaubszeit über die alten und neuen Bundesländer hereingebrochen und wie für alle anderen rechten Deutschen war es auch für uns wieder an der Zeit, irgendwohin in die Welt, Hauptsache weit weg von daheim, zu fahren, um dort, nach Überwindung sämtlicher Autobahnmautstellen, Radarfallen und den Stauungen der „Auto“ genannten motorisierten Blechkabinen, in brütender Hitze ein paar arbeitsfreie Tage zu verbringen und uns an fremdländischen Ländern, Menschen und Sitten zu erfreuen, um dann über andere Stauungen, Radarfallen und Mautstellen wieder die Heimat zu erreichen und hauptsächlich darin unsere Freude zu finden, wieder daheim zu sein.

 

Samstag 29. 8. 98: mit einem Tag Verspätung fahren wir los,

doch in einem Auto,

etwas gereizte Stimmung beiderseits.

Kaum losgefahren fällt ihr ein: Sie hat das Brot vergessen, macht mir zum Vorwurf, daß ich sie nicht erinnert habe... an das Brot...

Manchmal könnte ich sie zum Mond schießen.

Wir fahren noch beim Tengelmann vorbei,

Brot holen.

Ich warte im Auto.

Ein anderer wartet auch auf seine Frau, die irgendwas holt, vielleicht Brot?

Ein Mensch vor´m Tengelmann:

Steht da mit seinem roten Kopf und dicken Bauch und hat nichts besseres zu tun, als in den fünf Minuten, die er einmal Zeit für sich hätte, sich sofort einen Glimmstengel in den Mund zu stecken.

Und blöd zu schauen...

Blöd ist gar kein Ausdruck.

Einer von vielen, vielzuvielen...

bierbäuchigen rauchenden Blödschauern.

Ich habe nicht das Recht, ihn für sein Sosein zu verachten,

ich verachte ihn dennoch.

Ich kann es nicht vermeiden.

Am liebsten würde ich das Fenser hinunterkurbeln und ihm sagen, daß er ein Idiot ist.

Freundlich aber deutlich.

Ich glaube ich bin urlaubsreif.

 

Fahrt über Lofer, Waidring, vorbei an den Sonnenwänden. Blick zur „Royal Flash“, einmal mit Karina, ein andermal mit Gisela dort gekraxelt, zwei wunderbare Tage.

Vorbei am Wilden Kaiser, feuchte schmutziggraue Nebel hängen herum, der Kopftörlgrat in Wolken.

Ich denke an Gisela.

„unvergessen“ steht am Grabstein.

Wir hören Musik, die gleiche die ich über Kopfhörer hörte, damals, am Weg zur Gugel an einem trüben grauen Wintertag. Ich weiß es noch genau, glasklar die Musik, als ob sie im Kopf stattgefunden hätte, eigenartig die Stille zwischen zwei Liedern, nur das monotone Klacken der Tourenbindung ... einige Sekunden... bis zum nächsten Stück...

Sie fährt.

Ich hänge meinen Gedanken nach,

rede nicht viel oder besser gesagt überhaupt nichts.

Der Zusammenhang von Geist und Materie beschäftigt mich. Wieder komme ich auf keinen grünen Zweig mit diesem Thema.

Frauen und der fünfte Gang.

Was haben sie gegen ihn? Warum wollen sie ihn nicht einlegen, eine wie die andere?

Geheime Absprache der Frauen gegen den fünften Gang? Oder eine Verschwörung? Man(n) sitzt am Beifahrersitz und hört es an der Drehzahl, ja spürt es förmlich, wie der Motor darum bittet, so bei Tempo achtzig bis hundert, und wird ganz unruhig dabei... der erhöhte Benzinverbrauch beinahe ein körperlicher Schmerz, ohne daß das die Fahrerin in irgendeiner Weise bekümmert.

Ich sage nichts.

Sie fährt.

Auf der Autobahn legen sie ihn dann ja manchmal doch ein, die Frauen, den fünften Gang.

 

Im Engadin werden die Wolken immer weniger.

Über den Flüelapaß fahren wir. Vorne hoch und hinten runter. Wie das bei Pässen so ist.

Die letzte Ortschaft vor dem Oberalppaß: Sedrun. Hier finden wir ein Nachtquartier. Ich finde die Betten reichlich kurz, sie meint es genügt. Und wenn es für sie reicht, muß es auch für mich reichen. Allen Ernstes behauptet sie, mir gegenüberstehend in die Augen sehen zu können, was der sofortigen Richtigstellung bedarf: Meine Augen befinden sich nicht in Brusthöhe. Weil ich angeblich nie etwas Nettes zu ihr sage, sage ich vor´m Einschlafen zu ihr, daß sie wirklich gut gefahren ist, ernte aber bloß ein Gekichere.

 

Sonntag 30. 8.: Fahrt über den Oberalppaß, herrliche Wiesen und Matten, im Winter ideales Skigelände. Andermatt, laut Karte ganz nah das Göschenental und die Salbittürme. Auf meinen Wunsch machen wir einen Abstecher. Ein wildes Tal, weit hinten der Parkplatz, wo es zur Biwakschachtel hochgeht, Blick auf den zackigen Salbit-Westgrat. Erinnerungen. Wie lange ist es her, daß wir dort gekraxelt sind, Hans und ich? über den langen Grat, in traumhaftem Granit.

Weiter oben dann ein Stausee, Blick auf wilde Gletscher, Ende der Fahrstraße, ein Berglauf-Wettkampf findet gerade statt, das ganze Tal hinein sind sie gelaufen. Gerade kommt der erste durch´s Ziel, eine unscheinbare schwindsüchtige Gestalt, mit weitem Vorsprung ohne Anzeichen von Müdigkeit.

 

Als nächstes der Furkapaß. Blick auf Graue Wand und Dammastock. Die Graue Wand, eine der besten Routen, die ich je geklettert bin. Dahinter der Dammastock, vergletschert, 3600 Meter hoch, als Skitour immer noch auf meiner Wunschliste. An einem Parkplatz halten wir. Durch´s Fernglas schaue ich in meine frühere Welt. Ein Astronom hinter seinem Gucker ist von den Fixsternen nicht weniger weit entfernt, fällt mir nebenbei so ein...

Das Rhonetal. Mörel, ganz nah der Aletschgletscher, die Oberaletschhütte, wo ich damals flachlag mit einer Bronchitis, daß schon ein Hubschraubertransport in Erwägung gezogen wurde, bei traumhaften Wetter- und Tourenbedingungen.

Vorbei am Zinaltal, wo Wahnsinnsskitouren warten, wie ich weiß.

Vorbei am Bahnhof in Visp, wo wir auf den Zug gewartet hatten, Gisela und ich, nach der Haute Route. Vorbei an dem Zaun neben der Straße mit Stacheldraht, der mir ein Loch riß in meine Lieblingsskitourenhose, genau im Schritt. Vorbei an der Holzhütte am Gegenhang, wo wir nach der Besteigung von Gran Paradiso, Chateau Blanc und Mont Blanc den ersten Ruhetag eingelegt hatten, in der warmen Frühjahrssonne, Gisela und ich, vor der Haute Route. Vorbei an der Pension, wo wir übernachtet hatten, bevor wir losgegangen waren, von Bourg St. Piere bis zur Vignettehütte an einem Tag. Die meisten brauchen drei Tage bis dorthin.

Vorbei an einer anderen Herberge, wo wir genächtigt hatten, ein Jahr später, Hans, Thomas und ich, nach dem Grand Combin und vor dem Mont Velant, einem der schönsten Skiberge überhaupt. Man sieht in einmal kurz von der Straße aus.

Über den Großen St. Bernhard fahren wir, überall großartiges Skitourengelände.

Einmal sieht man auf den Grand Combin, diesen ungeheuren Klotz von Berg, der Gipfel auf unnahbare Weise wolkenverhangen. Damals saßen wir oben, auf 4300 Meter, hemdsärmelig im April.

Denk nicht daran, was du nicht mehr, sondern an das was du noch machen kannst!

So hieß es in einem Prospekt für Rollstuhlsport.

Witzbolde!

 

In einem Seitental des Aostatals, im Val Grisenche beziehen wir Quartier, im gleichen wie damals mit Gisela nach der Skitour auf den Chateau Blanc. Hotel Planaval, über 1500 Meter hoch.

Beim Abendessen stelle ich mir vor:

Wir beide bekommen hier einen Hausmeisterposten, über den Winter, wochenlang von der Umwelt abgeschnitten, wenig zu tun, außer Schauen, daß die Heizung nicht einfriert.

Und:

Ich drehe langsam durch,

verfalle schließlich ganz dem Wahnsinn.

Es beginnt – ohne daß es zunächst auffällt – so in der dritten Woche, daß ich immer schweigsamer werde. Mein Blick nimmt etwas Stumpfes an, ich beginne, Löcher in die Luft zu stieren, scheine zunehmend geistesabwesend, reagiere erst auf die zweite Ansprache. Wirke dann wie erschrocken, wie aus einer anderen Wirklichkeit hergeholt, als ob ich etwas ausbrüten würde.

Stundenlang hätte ich reglos dasitzen können, immer auf dem gleichen Platz.

Auf eine quälende innere Anspannung hätte man als Psychologe vielleicht aus einem gelegentlichen, kaum merklichen Zucken auf der linken Seite des Mundwinkels und – etwas häufiger – der Augenlieder schließen können. Und aus dem Reiben von Zeigefinger und Daumen bei geballter Faust, sodaß ein knirschendes Geräusch entstand.

Stundenlang wäre ich so dagesessen, reglos, nur dieses Knirschen.

Die Körperpflege hätte eine eindeutig abnehmende Tendenz aufgewiesen...

Eine Aura des Fremdartigen, Unberechenbaren, spontan zu allem fähigen hätte mich umgeben. Irgendwann wäre es ihr mulmig geworden, unheimlich.

Schließlich, in finsterer Nacht, draußen nur das Heulen des Schneesturms, hätte der Wahnsinn völlig Macht über mich gewonnen.

Im Rollstuhl hätte ich sie durch´s Haus gejagt.

Natürlich wäre sie viel schneller gewesen am Anfang, mit ihren gesunden Beinen, aber ich hätte nicht lockergelassen, hätte sie müde gemacht, ihr vielleicht mit einer Krücke eine Stolperfalle gestellt, bis ich sie schließlich doch erwischt hätte.

Und dann?...

hätte ich sie gekitzelt, wo sie am kitzligsten ist, am Bauch und an der Seite,

bis sie sich halb totgelacht hätte. Einen Mord´s Spaß hätten wir gehabt.

Dann wäre auch bald die Schneefräße durchgekommen, der Postbus hintennach und Preußen und Holländer, vor denen man nicht einmal im Winter hier in dem tiefverschneiten Seitental des Aostatals verschont bliebe, auf der Suche nach einer Langlaufloipe.

Und die Welt wäre wieder in Ordnung gewesen.

Und ich wieder der alte.

Wenigstens beinahe.

Völliger Blödsinn, aber es ist mir eingefallen beim Abendessen.

Wie im Film „Shining“.

Urangst des Menschen vor dem Wahnsinn und Urangst der Frau vor der männlichen Gewalttätigkeit.

 

Montag: nach dem Frühstück fahren wir zum Stausee im Talschluß hoch.

Alle Felsen neben der Straße, die auch nur ein bißchen nach Klettern aussehen, sind eingebohrt. Dann das Tal zurück ins Aostatal und Richtung Chourmayeur.

Auf einmal, hinter einer Kurve steht er wieder da, der Mont Blanc mit seiner gewaltigen Brenva Flanke, in der Vormittagssonne, unter makellos blauem Himmel. Was soll man da noch sagen?

Ins Val Veny fahren wir hinein, hinten legen wir uns in die Sonne, Blick zum Freneypfeiler, am Auguille Noire Südgrat klettern welche. Der Grat, gut als Damentour geeignet, auf meiner Tourenwunschliste ganz oben, die Gipfelmadonna leuchtet herunter. Am Innominata-Grat ganz weit oben steigen zwei, zum Normalweg der Grandes Jorasses sieht man hinüber und das alles an einem wolkenlosen Herbsttag mit seidig klarer Luft.

Ich weiß genau, wie sich der Granit anfühlen würde, warm und körnig, auch die Aussicht von der Noire aus, zum wilden Freneygletscher und zur Ostflanke des Mont Blanc kann ich mir vorstellen.

Marianne meint ich soll da nicht hinaufschauen.

Irgendwo muß ich ja hinschauen.

Fahrt über den kleinen St. Bernhard nach Bourg St. Maurice.

Abends Bärbel getroffen, die schon seit einigen Wochen hier ist und jeden Tag drei Pässe geradelt ist. Einen Ruhetag gönnt sie sich.

 

Dienstag: Weiterfahrt über Val d´Isere - Tigne - Col de L´Iseran, Berge gnadenlos verkabelt mit Masten aller Art. Hochgebirge als Vergnügungspark. Über den Col de Galibier kommen wir nach La Grave an der Meje Nordseite; Dauphine: eine Skidurchquerung dieser wilden Berge wäre genauso auf meinem Wunschzettel gestanden wie die Südwand der Meje.

 

La Grave, unsere Arbeitskollegin Marion hatte oft von diesem Ort erzählt.

Am Abend suchen wir längere Zeit nach der Bar mit Pension, die sie immer beschrieben hatte.

Niemand weiß Bescheid, die etwas wissen sagen nichts. Übernachtung in einer Pension neben der Straße. Am nächsten Tag mit der Seilbahn auf 3200 Meter, wenige Meter hinter der Bergstation ein Gletscher mit Spalten.

Vielleicht sollte ich mich mitsamt dem Rollstuhl in eine Spalte stürzen, einfrieren lassen im ewigen Eis, bis es eine Behandlungsmöglichkeit gibt.

 

Mittag Weiterfahrt über Col Lauterand.

Weiter oben: Eine Touristin mit einem Kind im Kraxenrucksack will gerade die Straße überqueren: Es ist Marion.

Manchmal ist es schwierig, die Überzeugung der Nichtexistenz höherer Ordnungen aufrechtzuerhalten.

Zur Verteidigung einer rationalen Weltsicht bringe ich ein, daß man sich mit großer Wahrscheinlichkeit genauso häufig auf genauso unwahrscheinliche Weise nicht trifft. Was dann nur keiner erfährt. Sollte dieses Treffen nicht zufällig sein, wäre die logische Konsequenz, daß irgendjemand dafür sorgen hätte müssen, daß der zeitliche Ablauf jeglicher unserer Zielsetzungen und Handlungen (und zwar von Marion auf der einen, uns auf der anderen Seite) dieses Tages, einschließlich des Planes, überhaupt in Urlaub zu fahren, an diesem Ort und in diesem Moment gipfelten.

Was natürlich Blödsinn ist.

Wer sollte das tun?

Es ist ein Zufall, sonst nichts.

Auf jeden Fall gehen wir zum Wirt und freuen uns.

 

Ein Paß folgt dem anderen, bis es dann vom höchsten fast 100 km nur noch bergab geht bis Nizza. In Cannes machen wir einen Rundgang. Im Strom der Touristen besichtigen wir die eingegipsten Handabdrücke von weltberühmten Persönlichkeiten die vor uns hier waren. Die meisten haben Hände wie gewöhnliche Menschen.

Auffallend lediglich die Würstelfinger von Silvester Stallone.

Einige Zeit suchen wir in der Gegend von Saint Tropez nach einem Quartier, es ist immer noch hoffnungslos überlaufen. Vierzig Kilometer weiter, am Strand von La Lavandou findet sich dann etwas Geeignetes, Zimmer, Parterre mit Gartenanteil.

Am Strand viele Frauen mit auffallend großen abstehenden Ohren, wenn man es so nennen will.

Am Abend gehen wir essen. Da sich meine Französischkenntnisse auf Baguette und Ninette beschränken und Marianne auch nicht recht viel mehr versteht, bleibt die Speisenkarte völlig unverständlich.

Wenn ich da an Gran Canaria denke, Speisenkarte selbstverständlich deutsch und alles erhältlich: Tiroler Weinstuben, Schweinsbraten, Löwenbräu Bier.

Und hier weiß man nicht einmal was man bestellt. Die Franzosen: eins der wenigen Völker weltweit, die sich den deutschen Touristen nicht anpassen wollen, in Neuguinea sind sie da weiter. Was bilden die sich eigentlich ein?! Man sollte sie auf höherer politischer Ebene dazu zwingen, andernfalls EG-Gelder kürzen oder sowas. Aber ich will mich nicht aufregen, bin schließlich im Urlaub hier.

 

Wir bestellen einen Fisch für zwei Personen, schauen nicht auf den Preis am ersten Tag.

Auf einem silbernen Tablett kommt ein Fisch in der Größe, daß ich ihn, hätte ich ihn damals vor dreissig Jahren in der Hochzeit meiner Karriere als Schwarzangler selbst gefangen, ziemlich sicher in die Fischgründe der Hosewasch zu weiterer Vergrößerung zurückentlassen hätte.

Fachmännisch zerteilt der Ober unser Fischchen, entfernt Kopf und Schwanzflosse, wovon der Fisch nicht größer wird. Jeder bekommt eine Hälfte.

Der übrigverbleibende Fisch pro Person ist von der Größe, daß er mühelos auf drei Gabeln unterzubringen ist, mit einigem Bemühen auf zwei Gabeln.

Um die Rechnung vorweg zu nehmen: der Fisch wurde grammweise berechnet und kostete dann 90.- DM. Unter Berücksichtigung dieses Preises errechnen sich für den zweiteren Fall ––– zwei Gabeln – Kosten von DM 22,50 pro Gabel für einen Mundvoll Fisch, wofür man zwanzig Leberkässemmeln bekäme, wahlweise Fleischsalat, oder um die einhundertundfünfzehn Iglo Fischstäbchen. Oder zwei Portionen besten Schweinsbraten in Steinbrünning! Für eine Gabel Fisch!

Es ist unglaublich!

Wo sind wir hier gelandet?

Ein sparsamer Mensch hätte sofort seine Koffer gepackt und wäre heimgefahren.

 

Die nächsten Tage gleichen sich: Schönstes Wetter, Wärme, Ausschlafen, Frühstück auf der Terasse, Herumliegen am Strand, Lesen, gelegentlich bemühe ich mich sogar in´s Wasser. Das Verhältnis Aufwand zu Vergnügen dabei zweifelhaft. Einmal Wind, der Sand über den Strand bläst, genau in Kopfhöhe, wenn man am Boden liegt, unvermeidlich Sand in die Augen und Ohren. Auch zwischen den Zähnen knirscht es, außer man zieht sich ein Handtuch über den Kopf.

 

Irgendwann beim Abendessen komme ich einmal mehr auf mein momentanes Lieblingsthema zu sprechen:

Die Fragwürdigkeit des Daseins an sich: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts? Was wahrscheinlich viel gescheiter wäre. Warum nimmt die Natur diesen Umweg des Lebens, bevor die Biomoleküle wieder in´s Stoffliche zerfallen?, Erlösung finden im Anorganischen. Warum wird man in die Welt gestellt, um für eine gewisse, insgesamt unerhebliche Zeit diesen zwanghaften Stoffwechselprozessen ausgeliefert zu sein, die das Leben aufrecht halten. Dieses Leben, das angeblich ein Geschenk Gottes sein soll! Ausgestattet, um nicht zu sagen befallen ist das Ganze beim Menschen auch noch von einem Bewußtsein seiner selbst, einem Geist, der allerdings nicht dazu geschaffen ist, wie manche meinen, uns höhere Erkenntnisse über Wahrheit und Wirklichkeit zu vermitteln, sondern ganz einfach um unsere Chancen im Daseinskampf, was Fressen und Fortpflanzung betrifft, zu verbessern. Warum die Mühen, bevor man dahin geht, wo man hergekommen ist? Um Wirkung zu erzielen, übertreibe ich ein bißchen.

„Die Welt ist ein schöner Garten“ sagt sie und „das Leben ist doch schön.“

Na ja, zweiteres wollen wir einmal beiseite lassen aber: Die Welt ein schöner Garten?

Ich schaue um mich. In die Welt sozusagen:

Wir sitzen unter einem Vordach auf der Terasse eines Strandrestaurants.

Ganz in der Nähe zirpt eine Grille, laut, beinahe schrill und ohne Unterlaß, getrieben vom - wenn nicht irrgeworden am - dumpfen Trieb der Fortpflanzung, Weibchen anzulocken.

Hoffentlich kommt bald eine, das Gezirpe ist für Nichtgrillen eine Zumutung!

Schmetterlinge taumeln durch die Nacht, ziehen zuckende Kreise um Laternen, knallen dagegen, krabbeln flügelzitternd darauf herum um erneut loszufliegen, in spiralenförmigen Bahnen, bis sie wieder hinknallen, blind, irr, einer unbekannten Bestimmung folgend.

Wenn ihnen nur nach Licht ist in der Nacht, warum fliegen sie dann nicht gleich am Tag?

Genauso wie gegen Glühbirnen würden sie ins offene Kerzenlicht fliegen und verglühen, völlig unbemerkt, der Welt egal, außer ein Mensch schaute gerade hin.

Ober mir, an der Decke sehe ich eine dicke Spinne am Rande ihres Netzes sitzen. Das Netz, auf perfekte Weise aufgespannt, um ahnungslose Insekten zu fangen und auszusaugen. Das Insektchen wird im Netz zappeln, freikommen wollen, und sich nur um so hoffnungsloser in den klebrigen Fäden verstricken und gerade dadurch die Spinne, die schwarze dicke Spinne, auf sich aufmerksam machen.

Am Sonnenschirm über Marianne sitzt eine langflügelige Motte ganz ruhig, was die Chancen, entdeckt und gefressen zu werden, wohl verringert. Ihre Sichtbarkeit auf der hellen

Unterlage hebt den Vorteil sicher mehr als auf.

Daß wir hier zufrieden sitzen mit vollen Bäuchen, dafür mußten zwei Fische sterben, Gemüse wurde abgeschnitten, Zuchini, Zwiebeln, Paprika, Tomaten. Am Nachbartisch essen sie das Fleisch eines unschuldigen Kalbes, daneben einen ganzen Kübel voller Muscheln.

Ich denke an die Fische, von denen nur noch die Köpfe und Gräten vor uns auf den Tellern liegen: vor kurzem wurden sie aus dem Meer geholt, hinterlistig mit Netzen, wurden aus ihrem Element auf´s Trockene gezogen, wo sie zu Dutzenden oder Hunderten erstickten. Bloß daß wir uns hier die Bäuche vollschlagen. Was wissen wir vom Schmerzempfinden von Fischen?

Wenn es andersrum wäre? Wenn die Fische Netze über Badestrände ziehen würden und die Menschen ins Wasser. Wenn sie uns ersaufen ließen, bevor sie uns verspeisten?

Die Nahrungskette: eins frißt das andere, nur der Mensch frißt alle.

 

Was ist sonst noch los in der Welt?

Der Vollmond ist über dem Meer aufgegangen, wie alle vier Wochen seit Jahrmillionen, erzeugt nebenbei Ebbe und Flut.

Nicht für uns macht er das, sondern einfach so. Er kann nicht anders.

Die Gesetze der Natur zwingen es ihm auf.

Am Horizont ist er über dem Meer aufgegangen, kugelrund und gelb, und eine Weile sieht es aus, als läge er auf der Wasseroberfläche auf und würde in jedem Moment davonrollen.

Man kann es sich vorstellen – man verzeihe mir die Phantasterei: daß er ganz langsam zu rollen anfangen könnte, immer schneller, schließlich holpern, um am Ende in tollen Sprüngen von der Bildfläche zu verschwinden.

Es sieht nicht schlecht aus, natürlich nicht, wie er da so prallgelb über dem Meer steht. Es ist jedem freigestellt, derartige Naturvorgänge als schön zu bezeichnen, schaden tut es zumindest niemand.

 

Das Licht des Mondes spiegelt sich auf der Meeresoberfläche, ein Glitzern wie flüssiges Silber. Es handelt sich allerdings, wie heute bekannt ist, lediglich um die Reflexionen des vom Mond wiedergespiegelten Sonnenlichts am Wasser, der Strahlung also, die in 150 Millionen Kilometer Entfernung von uns im Zentrum der Sonne durch die Verschmelzung von Wasserstoffkernen zu Helium infolge des Materie-Energie-Äquivalents entsteht.

In jeder Sekunde verliert sie Millionen Tonnen ihrer Materie, die Sonne, und irgendwann wird auch sie verbraucht sein, verlöschen als ob nie gewesen.

Das Geglitzere: was ist es wirklich? Korrekt müßte man sagen, daß es nicht eine Eigenschaft der Welt ist, sondern nur ein subjektives Seherlebnis, eine Wahrnehmung eben, nichts weiter.

Elektromagnetische Wellen mit einer bestimmten Länge im Millionstel-Millimeterbereich fallen auf die Netzhaut unserer Augen und gelangen von dort als Aktionspotentiale in einen im Hinterkopf gelegenen als „Sehrinde“ bezeichneten Gehirnbereich, das ist alles. Und dort, irgendwo in den Windungen dieser breiigen Masse hinter den Schädelknochen entsteht auf völlig rätselhafte Weise aus diesen elektrischen Ministromstößen dieses Geglitzere und unser Bild der Welt, das wir manchmal im ästhetischen Sinn auch noch als „schön“ empfinden.

Es ist unglaublich!

 

Natürlich geht der Mond nicht auf oder unter. Man sagt das gedankenlos so daher in einer Alltagssprache, die völlig an der Wirklichkeit vorbeigeht! Der Mond rast um die Erde auf

seiner Umlaufbahn, die Erde mitsamt dem Mond um die Sonne.

Da geht nichts auf oder unter. Es kreist und dreht sich! Der Sonnenuntergang: Die allabendlich zu beobachtende Verringerung des Abstandes der Sonnenscheibe vom westlichen Horizont. Es soll ja nicht bestritten werden, daß es ganz nett aussieht wenn die Sonne abends wie eine große rote Kugel scheinbar im Meer versinkt. Dennoch: Man sollte es sehen wie es ist! Warum irgendwelchen Ilusionen aufsitzen? Niemand braucht deswegen in Sentimentalitäten zu verfallen oder in Schwermut.

 

Über uns der Sternenhimmel, Millionen und Abermillionen Sterne. Immer mehr sieht man, wenn man einige Zeit nach oben sieht. Unwillkürlich kommen einem rätselhafte Dinge in den

Sinn: Die Erde, Planet einer Sonne, ziemlich am Rand unserer tellerförmigen, mißverständlich Milchstraße (es handelt sich nicht um ein Molkereiprodukt!) genannten „Heimatgalaxie“. Aber was ist schon Heimat?

Millionen vielleicht Milliarden anderer Galaxien sollen da oben herumstehen,

auseinanderfliegend sich sinnlos um sich drehen bis in alle Ewigkeit.

Oder vielleicht irgendwann einmal wieder in sich zusammenstürzen in einem Punkt mit

unvorstellbarer Dichte und Temperatur bis alles mit einem neuen Urknall von vorne losgeht. Der gleiche Zirkus noch einmal!

Schwarze Löcher soll es da oben geben, und Neutronensterne, Quasare, Kugelsternhaufen, Materie und Antimaterie, Supernovaexplosionen.

Es steht jedem frei, die Sterne „schön“ zu finden oder Betrachtungen dieses Sternenhimmels zu verwenden, um sich Gedanken zu machen über die Größe und Erhabenheit des Weltalls und seine eigene Winzigkeit. Wie ist das alles entstanden? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Konnte das alles ohne Schöpfer entstehen? Müßige Fragen.

Es sind und bleiben halt einfach Sonnen, die da vor sich hinglühen. Die Börsenkurse richten sich nicht danach. Mist, der Dax fällt auch laufend! Meine Aktien!

 

Weiter, was ist noch zu sehen in der Welt?

Gleich nebenan: das Meer. Sanfte Wellen schwappen auf den Sandstrand. Seit Urzeiten oder so lange es dieses Meer halt gibt, geht das nun schon so. Große Wellen schwappen weiter, kleine Wellen weniger weit den Strand hoch, logisch. Wenn das Wasser über den Sand zurückfließt, bilden sich kleine schaumige Blasen, aber nur für einen kurzen Moment.

Ewiges hin und her. Steine werden zu Sand gemahlen, bis es nicht mehr feiner geht und der Sand bloß noch ewig hin und her schwappt mit dem Wasser, ewig auf und ab, hin und her, an der Demarkationslinie zwischen Wasser und Land.

Unmittelbar neben uns:

Pflanzen recken sich in den Nachthimmel, warten schweigend auf den Tag, auf frisches Sonnenlicht, das sie für ihre photosynthetischen Prozesse benötigen, um völlig ungefragt weiter Kohlendioxid und Wasser in Kohlenhydrate verwandeln zu können, um weiter wuchern zu können.

Unkraut, Pflanzen, Gestrüpp, alles will noch höher wachsen, um auf Kosten der anderen möglichst viel Licht abzukriegen.

Natürlich wachsen die Pflanzen genauso wenig für uns wie die Sonne nicht für uns ihre Materie zerstrahlt oder der Mond nicht für uns die Erdkugel umkreist und das Meer nicht für uns den Großteil der Erdoberfläche überflutet.

Nicht für uns wuchern sie also, die Pflanzen. Wie alles in der Natur folgen auch sie vielmehr irgendeinem unbekannten Programm oder Zwang, zumindest solange kein pflanzenfressendes Tier vorbeikommt oder ein Mensch mit einer Heckenschere, und es sich ausgewuchert hat.

 

Pflanzen: Energielieferanten für Pflanzenfresser, die wiederum zur Beute von Fleischfressern werden. Fressen und gefressen werden, die Pflanzen machen den Anfang.

Die Blüten, am Tag nett anzusehn, dennoch: Auch ihnen sind wir egal.

Vielleicht wären wir es nicht, wenn wir Schmetterlinge wären, die sie zu ihrer Bestäubung und Befruchtung brauchen. Eine bessere Methode der Fortpflanzung ist ihnen noch nicht eingefallen.

Daß sie besser wachsen, wenn wir ihnen gut zureden, daran glauben manche.

Ich glaube das nicht.

Tier sein dürfen: Leben in Geborgenheit, im Paradies stumpfer Triebe, bewußtloser Reflexe und Instinkte, ohne Notwendigkeit eigener Entscheidungen, keine Sorgen um das Morgen, das Gestern egal, ohne jegliche Imagination von Vergänglichkeit und Tod, Verwesung, Fäulnis, Grabesmoder.

Warum mußten wir uns entwickeln bis zu dieser unnatürlich menschlichen Entwicklungsstufe

des Homo sapiens? Hätte man es nicht beim Homo erectus belassen können?!

Hätte die Natur keine Einsicht haben können? Dem Planeten und uns selbst das höhere Menschentum nicht ersparen können? Eine zusätzliche kleine Eiszeit über ein paar Jahre hätte wahrscheinlich gereicht. Die Erde sähe noch genauso aus wie damals. Die Krone der Schöpfung, das einzige Wesen, das alles frißt, ohne gefressen zu werden, wäre nie auf die Beine gekommen.

Pflanzen, Tiere und Menschen, eine große Gemeinschaft? Pustekuchen!

Die Welt ein schöner Garten?

Oder ist sie nicht eher ein Gruselkabinett, die Welt?

„Was sagst Du dazu“, frage ich.

„Es ist unser Schicksal, daß wir kommen und gehen“.

Das ist ja nicht unrichtig, aber ob sie mich wirklich ganz verstanden hat?

Zu guter letzt erschlage ich im Bett noch eine Fliege.

 

Mittwoch: Weiterfahrt nach Arco

zufällig kommen wir an der Trentino-Bar vorbei; Jürgen, der Mann unserer Arbeitskollegin Sigi sitzt davor, in voller Biker-Montur. So eine Überraschung. Wo Jürgen ist, kann Sigi nicht weit sein. Sie kommt auch gleich, war noch die Burg besichtigen, während Jürgen es vorzog ein Pfeifchen zu rauchen.

Irgendwie kommen wir in´s Philosophische, Sinnfragen.

Sigi sagt, die Welt ist doch so schön, das Leben ein Geschenk.

Jürgen: die Welt besteht aus Fressen und Gefressen werden.

Ich könnte etwas dazu sagen, ziehe aber vor, es nicht zu tun.

 

Eine Nacht bleiben wir noch. Nettes Abendessen zu viert. Am nächsten Tag Heimreise über Sarntal. Der 11. Paß.

Wir sind wieder daheim.

Schön war´s.

 

 

Empfehlenswerte Urlaubsliteratur:

Horstmann, U.: Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht. Suhrkamp 1985