Homepage von Albert Hirschbichler

Geschichten und Bilder

Kur 2018

Ein Bericht aus Tagebuchaufzeichnungen 


Wehret den Anfängen zu spät kommt die Kur

So eine Kur, oder Reha wie man es heute nennt, ist immer eine schöne Zeit. Kranke, Kurlauber und Rentenbewerber tummeln

sich in den Rehakliniken, wobei die Kurlauber eher ab, die Kranken eher zunehmen. Rollstuhlfahrer sieht man selten.

Im Jahr 2018 wurde meinem Antrag stattgegeben. 

 

27.8.2018 (Montag)

Anfahrt geht glatt. Mittag bin ich dort.

Das erste was man bei Rehakliniken meistens sieht, sind die Qualmer, die irgendwo in Eingangsnähe an ihren Glimmstängeln hängen. So auch hier.

Bei der Aufnahme nur fünf Minuten gewartet, dann komm  ich schon dran. Ein Essen bekomme ich auch. Spagetti. Den Arzt, der mich dann aufnimmt, kenn ich noch vom Jahr 2009. Da war ich schon mal hier. Ein netter Mensch. Redet bayrisch. Angenehm. Kann sich undeutlich an mich erinnern. Am frühen Nachmittag bin ich schon fertig. Sonst kein Programm mehr heute. Da starte ich doch gleich zu einer kleinen Radltour. Ich lade das Radl aus dem Kofferraum. Bringe über die Steckachse die Hinterreifen an wie immer. Was ist da los? Ein Rad hängt ganz schief dran. Der Sturz hat sich verstellt. So kann ich nicht fahren. Das geht ja wieder gut los. Ein Patient der das sieht hilft mir. Das Problem ist zum Glück mit einem Sechskantschlüssel, den ich mitführe, leicht zu beheben. Er sei Feinmechanikermeister, sagt Ernst, mein Helfer, und bei technischen Problemen verspüre er eine Art zwanghaftes Bedürfnis, die Sache zu beheben. Der richtige Mann am richtigen Ort. Wenige Minuten dauert die Aktion, dann kann ich schon starten. Werd ihm mal ein Weissbier spendieren. Eine kleine Runde über Linden und Buchberg fahre ich. Beschauliche Gegend, kaum Verkehr, einsame Gehöfte, ganz ordentliche Steigungen, meditative Stimmung.

Vor dem Abendessen hol ich noch meine Reisetaschen aus dem Auto und richte mich im Zimmer ein. Die erste Nacht. Im Nachbarzimmer schnarcht einer so laut, dass ich es durch die Wand höre. Oje.

 


1   Gastliches Haus: Klinik Enzensberg
2   Was wäre eine Kur ohne Kurschatten
3   Das Bild von einer Alm über der Eng trug wesentlich zu meinem Kurerfolg bei

28.8. (Dienstag )

Die erste Anwendung. Ein CO2 Fußbad. Eine Badefrau schüttet Pulver in das kleine Becken, in dem meine Füße stehen, Wasser bis Höhe der Waden. Es bildet sich ein weisser Schaum, der zu wabern beginnt, schließlich Blasen wie Kartoffelpüree, das auf einer zu heissen Herdplatte steht. Schade dass ich nichts spüre. Zum Schluss sieht das Ganze aus wie frisch gefallener Pulverschnee.

Danach mit dem Aufzug auf´s Zimmer. Aufzugfahren mochte ich noch nie. Aber jetzt geht’s nicht mehr anders. Die Aufzüge ein Thema für sich. Zwei von vier Aufzügen sind außer Betrieb, Erneuerung. Dementsprechend lang dauert es oft. Wenn dann die Tür aufgeht und alles ist voll, freut man sich jedesmal wieder. So auch jetzt. „Kruzifix“ sag ich, der Hol- und Bring-Dienst rutscht ein paar Rollstuhlfahrer zusammen, sodass ich doch noch reinpasse. „Fluchen hilft doch" sag ich. Die Anwesenden scheinen das aber nicht lustig zu finden.

Als letztes hole ich noch den Grappa aus dem Auto. Jetzt bin ich eingerichtet.

Eine Radkarte kauf ich auch noch.

Als Anwendung hab ich unter anderem eine „Hemi-Massage“. Die kommunikative Masseurin erzählt dass fast alle Patienten Burn Out und Depression haben. Kommt mir bekannt vor. Wo soll das noch hinführen?

Am späten Nachmittag Radtour: Über die Reindlschmiede nach Mürnsee – Hohenbirken – Nantesbuch. Einmal verfahre ich mich, egal, 30 Kilometer, die Form ist noch nicht so gut.

Die zweite Nacht. Der Schnarcher kennt keine Gnade. Zum Glück hab ich Ohrenstöpsel dabei. Ich höre ihn aber deutlich durch die Stöpsel.


29.8. (Mittwoch )

Beim Frühstück greift einer mit den Händen in die Käseplatte. Die Servicedame sieht es und entfernt die ganze Käseplatte. Pfundweise Käse. Alles zum Wegwerfen. Der Patient scheint nicht recht zu kapieren was daran schlimm sein soll wenn er den Käse mit den Händen nimmt. Zuhause macht er´s auch nicht anders.

Viele der Patienten sind Schlaganfallpatienten die mit Rollstuhl fahren oder gefahren werden. Je älter sie sind umso trauriger ist der Anblick. Alte Menschen, die allein nicht mehr klar kommen und nie mehr klarkommen werden. Ein furchtbarer Gedanke.

Anwendung Stehtraining. 15 Minuten. Nicht einfach Stehen. Durch Gewichtsverlagerung kann man auf einem Monitor einen Piraten zu einem Goldschatz bringen und Punkte sammeln. Ganz lustig, die 15 Minuten sind gleich um.

Dann steht Wärmebehandlung in einer Infrarotkabine auf dem Programm. Ich sitze in der Badehose drin und es wird immer heißer. Ich schwitze wie ein Schwein. Ob das gesund ist? Angeblich werden davon die Muskeln gelockert. Nebenbei gibt es in der Kabine Lichter. Die Farben verändern sich: grün, rot, blau,  nett gemacht, zur Entspannung. Entspannungsmusik spielt auch, zu laut, was meiner Entspannung entgegenwirkt.

Dann begutachte ich das Blumenbeet vor der Klinik, schön, mache ein paar Fotos.


1-15   Blumenbeet vor der Klinik. Kaum jemand schaute genauer hin


Am Nachmittag Radtour: Benediktbeuern, Moosmühle, Penzberg, drei mal verfahre ich mich, zum Schluss muss ich auf einer
vielbefahrenen Hauptstraße fahren. 40 km. Ich nenne die Tour Misttour 1.

Abends mit dem Auto zur Reindlschmiede auf ein Weißbier, ein Ort den man öfters aufsuchen sollte. Die ganze Gegend riecht nach Schweinsbraten.

Abends einen Testfahrer von Mercedes Benz kennengelernt. Mit einem 700 PS Mercedes lief bei Tempo 280 was schief. Die Einzelteile vom Auto waren über 500 Meter verstreut. Er sitzt seitdem im Rollstuhl. Er hat das sicher schon öfters erzählt, erzählt es aber immer wieder gern. 

In der Zeitung ist zu lesen, dass ein alkoholisierter Jugendlicher Rabatz gemacht hat und eine Strafe kriegt. Nüchtern sei er schüchtern, meinte er. Gutes Thema für weitere Reflexionen und Variationen:

„Nüchtern ist er schüchtern, doch mit der Zirben Geister, wird er immer dreister“. Und so weiter. Werde mir Notizen machen.

Der Schnarcher schnarcht wieder. Ohrenstöpsel nach wie vor ungenügend.


30.8. (Donnerstag)

Anwendung Hydromassage. Auf einem Wasserbett fährt ein Wasserstrahl am Rücken auf und ab. Zwischen Rücken und Strahl nur eine dünne Gummihaut. Vermutlich wird das meine Lieblingsanwendung.

Visite ist auch. Ein junger Oberarzt, nicht unnett ist dabei. Mir gefällts gut, sage ich, keine Wünsche.

Zu den Ärzten ist zu sagen, dass man selten einen sieht Und wenn einer mal am Gang unterwegs ist, fällt auf, dass die Ärzte nicht nach rechts oder links schauen am Gang, am wenigsten schauen sie einen Patienten an. Wie Wesen aus einer anderen Welt. Als ob sie das alles nichts anginge. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass ihnen die Patienten  lästig sind. Einer heißt, wie an der Tür steht, Dr. Weh.

Mittag: Mein Tischnachbar hat Besuch vom Sohn, der auch am Tisch sitzt und eine Roulade isst. Er redet nichts, sagt nicht Gick noch Gack, ein unhöflicher Mensch, ein Stoffel. Auf so einen Sohn kann man, denke ich, verzichten.

Wir sitzen zu viert am Tisch. Jeden Tag die gleiche Besetzung. Die Tischnachbarin ist nett, ich hätte sie auf 70 geschätzt,

sie ist aber 83.

In der Zeitung steht die Erkenntnis einer neuen Studie: „Wer Urlaub macht, kann sein Leben verlängern“.  Sensationell. Kaum zu glauben was sie in den Studien alles herausfinden.

Am Nachmittag Patientenbegrüßung. Der Verwaltungsleiter hält einen Vortrag.

Rauchen im Zimmer führe zum Rauswurf. Sehr vernünftig. Er sagt noch, dass manche Patienten glauben, dass es sich hier um einen Hotelaufenthalt handelt, es sei aber eine Klinik.

Eva schickt mir ein WhatsApp-Bild aus dem Urlaub. Sie im schwarzen Bikini. Ich schreibe zurück dass schwarz meine Bikini-Lieblingsfarbe ist, noch dazu bei ihrer Figur, erhalte aber bis abends keine Antwort.

Am Nachmittag genehmige ich mir ein Tässchen Tee mit Zwetschgendatschi.

Am Gang ein Plakat: E-Wheelchair-Hockey. Was ihnen nicht alles einfällt, den Behinderten.

Am Abend fahre ich zum Walchensee, stelle den Tempomat auf 40 und genieße die Stille und Einsamkeit. Mache ein paar Fotos. An der Wallbergbahn bleibe ich stehen und überlege mir ob man die steile Trasse unter der Bahn mit Ski fahren könnte. Müsste gehen, aber nicht mit Monoski. Früher wärs kein Problem gewesen.

Am Abend spielen wir, Alfred, Maria, Waltraud und ich, Mensch ärgere dich nicht. Leider werde ich nur Zweiter.


1-3   Walchenseeblues


31.8. (Freitag)

Beim CO2 Fußbad heute kein Wabern. Heute sieht das weiße Zeug aus wie Tofu oder Frischkäse.

Zwischen den Anwendungen lese ich Freundin. Frauenzeitschrift. Ein Artikel wie das so ist wenn man einen neuen Mann zum ersten mal trifft, aus Sicht der Frau. Das würd mich auch mal interessieren. Frau scheint Angst zu haben was falsch zu machen, nicht schön genug zu sein, zu dick oder zu dünn...  Quatsch steht da, „der Typ steht auf dich wie du bist“... Dafür würd ich allerdings nicht meine Hand ins Feuer legen.

 

1.9. (Samstag)

Dauerregen

Klinikbewertungen gelesen. Nicht allen passt alles.

Mein Zimmer ist hell, Balkon mit Blumenkästen gibt’s auch, die Matratze ist hervorragend,  ich schlafe bestens, das Bad behindertengerecht und das Essen schmeckt auch.

Nörgler gibt es überall. Das sind die die daheim den Fensterkitt fressen, wie es mal ein Mitpatient formulierte.

Bei der Visite bringe ich meine Zufriedenheit zum Ausdruck. Alles bestens, keine Wünsche. Der Doktor meint das sei nicht bei allen so, wobei man sich nur wundern könne über welche Lappalien sich manche wie aufregen, was ja auch eine Möglichkeit ist, das Leben rumzubringen.

Der nette Doktor sagt mir dass meine Kur zuerst für vier Wochen genehmigt gewesen sei und nun irgendein Schrieb für drei Wochen vorliege. Er orientiere sich aber an der Erstversion und werde mich auch noch eine Woche verlängern. Dann stimmt´s wieder. Wie schön!


2.9. (Sonntag)

Am Nachmittag fahre ich mit dem Radl rund um den Walchensee. Saukalt ists und mir geht’s komisch, Kopfweh, Schwäche und schlecht ist mir auch. Sehr seltsam. 27 km sind´s rundum.

Nach dem Abendessen gibt’s ein Weißbier (alkoholfrei) in der Cafeteria mit Ursula. Je länger man sich mit ihr unterhält, umso mehr merkt man, was sie drauf hat, trotz ihrer 83 Jahre. Sie hat viel mitgemacht im Leben aber sich nie unterkriegen lassen.

Im Zimmer gegenüber von meinem Bett hängt ein Bild an der Wand von einer Alm im Karwendel in der Morgensonne. Das erste und letzte was ich jeden Tag sehe. Auch sonst schau ich mir das Bild jeden Tag lang an, es beruhigt mich.

Im Speisesaal hängt eins vom Wankerfleck mit dem Geiselstein. Drunter steht ein falscher Bergname aber das ist auch egal.

Eine meiner ersten Klettertouren, mit 15,  war die Geiselstein Südverschneidung, wie ich mich erinnere. In der Nähe steht die Kenzenhütte, wo man auch mit dem Handradl raufkommt. 


3.9. (Montag)

Erste Anwendung am 10 Uhr. Wie schön!

Das Hausmädchen kommt ins Zimmer, eine Ausländerin wie alle Hausmädchen hier. Ich sage dass ich nix brauche, alles sauber sei und sie gleich im nächsten Zimmer weitermachen könne. Sie meint ich wäre ein positiver Mensch. Nett. Komisch dass manche das Gegenteil annehmen. Was mir aber auch egal ist.

Eine Urinprobe soll ich heute auch noch abgeben.

In meinen Aufzeichnungen lese ich etwas von Mittelstrahlurinbecher und Nebenstrahl, weiß aber nicht mehr wie sie das gemeint haben. Ich hab nur einen Strahl.  Woran ich mich wieder erinnern kann: dass ich auf den Gedanken kam, etwas von meinem Maracuja-Orangensaft einzufüllen und zu schauen ob es jemand auffällt, tue es aber doch nicht.

Am Nachmittag kommt ein Pfleger ins Zimmer und will mir das Kathetern erklären. Witzbold.  Da könnte er eher was von mir lernen... Sein Verhalten legt nahe, dass er eine Provision bekommt, wenn er was an den Mann bringt. Womit in der Medizin immer gerechnet werden muss wenn sich jemand besonders bemüht. So sagte es mir zumindest mal ein Ärztin, die es wissen muss.

In der „Bunte“ lese ich von einem Schauspieler, der einem Freund erzählt hat dass er gern einen Ferrari hätte und am nächsten Tag stand einer vor der Tür. Warum passiert mir sowas nie!

Ursula fährt morgen heim, schade, in der Cafeteria genehmigen wir uns einen Abschiedsdrink.

Zurück zum Zimmer sehe ich dass sich ein Nachtfalter ins Haus verirrt hat. Der Ärmste. Er wird hier zugrunde gehen, wenn ich ihn nicht rette. Dazu muss ich ihn aber erst mit dem Rollstuhl im Gang verfolgen, einige Male hin und her, bis er endlich müde ist, am Boden landet und ich ihn fangen kann. Ich bring ihn zum Fenster und er fliegt in die finstere Nacht hinaus wo er hingehört.

Der Schnarcher kennt wieder keine Gnade.


4.9. (Dienstag)

Um 7.30 habe ich schon einen Termin bei der Physiotherapie. Oje. Aber wenn man mal auf  ist, dann geht’s. Ursula beim Frühstück getroffen, sie hat sich um eine Stunde in der Zeit vertan. Zu zweit beobachten wir den Patienten, der sich kürzlich mit den Händen am Käse-Buffet zu schaffen  machte. Heute nimmt er schon die Greifzange. Er hat was dazugelernt.

Er sitzt immer in der Nähe des Wasserspenders, wo man hin muss wenn man zum Essen Wasser trinken will. Einmal sah ich, wie ihm der Salat aus dem Mund raus hing beim Essen. Die Essmanieren können also weiterhin als ausbaufähig bezeichnet werden.

„Die meiste Zeit des Lebens, wartet der Patient vergebens“ höre ich ihn einmal sagen. Was wiederum für seinen Realitätssinn spricht.

In der Bunten lese ich, dass Brad Pitt zu wenig für die Kinder zahlt, zumindest meint das die Angelina Jolly. Was noch da steht: Dieter Bohlen soll seiner Freundin, die halb so alt ist wie er, seit 12 Jahren treu sein. Soll mans glauben? In der Bunten steht es jedenfalls so. Na ja, ein paar andere Weiber wird er schon auch noch gehabt haben, denke ich, der Dieter. Allein schon aus Imagegründen.

Abends lerne ich einen kennen, der mal als Arzt gearbeitet hat und nun Rentner ist. Nach seinen Worten hat er es weit gebracht im Beruf, wie dem auch sei, bei einem Weißbier bringe ich meine langfristig gewachsene Überzeugung vor, dass das meiste was in der Medizin geschieht - nicht alles aber vieles - die Placebowirkung nicht übertrifft und damit nicht wirklich besser ist als die von allen vernünftigen Menschen verunglimpfte Homöopathie oder die Rituale von Medizinmännern oder Schamanen primitiver Völker. Ich erwarte Widerspruch aber er sagt ich habe den Geist der Medizin verstanden.


5.9. (Mittwoch)

Um 8 hab ich schon den ersten Termin MTT, d.h. Medizinische Trainingstherapie oder anders gesagt Training an Geräten. Um drei vor Acht komm ich zu dem Raum wo ein Zettel an der Tür hängt, dass um 8 Uhr aufgesperrt wird. Ein paar andere warten auch schon. Um eine Minute vor 8 kommt eine daher und liest auch den Zettel. Mit den Worten „ich bin doch nicht blöd und warte hier“ verschwindet sie gleich wieder. Wahrscheinlich geht sie lieber zum Rauchen als in den Kraftraum. Eine Minute später wird pünktlich aufgesperrt.

Heute zum ersten Mal den Schnarcher gesehen. Am Gang vor dem Zimmer kommt mir einer entgegen, ziemlich dick, die Gesamterscheinung lässt darauf schließen dass er an Körperpflege nicht sehr viel Zeit verschwendet. Intuitiv der Gedanke: „das könnte er sein“.  Um beobachten zu können, in welches Zimmer er geht, tue ich so als ob ich zum Blutdruckmessgerät fahre, das ganz hinten am Gang steht. Und tatsächlich: Er schließt die Tür des Zimmers neben mir auf. Er ist es. Das Schnarchen hat ein Gesicht.

Am Nachmittag fahre ich mit dem Handradl auf den Blomberg, steiler als gedacht. Aber schön. Wie ich zurück komme, begegnet mir auf dem Fußweg in der Nähe der Klinik Micha, die jüngste und schönste unter den Patientinnen, immer umschwärmt. Sie lächelt und pflückt mir von einem nahen Zwetschgenbaum eine Zwetschge, was ich nicht erwartet hätte und mich freut.

In der Abendsonne fotografiere ich Blumen vor der Klinik.

Am Abend Abschied von Maria. Vier Flaschen Sekt gehen drauf. Von den Nachbartischen schauen sie ganz neidig herüber. Zwei zahle ich, eine Hans und eine Rainer. Wir reden über dies und das, über die Asylanten und den Gesundheitstourismus und so und sind uns einig dass in 10 Jahren alles zusammenkracht.


6.9. (Donnerstag)

Zu den Aufzügen: Es gibt vier. Leider befinden sich zwei gerade in Überarbeitung. So muss man oft lange warten und wenn er dann kommt und die Tür aufgeht, ist kein Platz. Aber man hat ja Zeit. Wenn ich in der Arbeit auf den Aufzug warten muss denke ich mir immer „Gehalt läuft“, und dann ist das Warten gleich halb so schlimm.

Visite ist auch. Der Oberarzt fragt mich nach den urologischen Untersuchungen. Eine im Jahr sei leitliniengerecht bei Querschnitt. Ich sag ihm, dass ich das schon 15 Jahre nicht mehr machen hab lassen. Außer einem Blaseninfekt ist dabei nie etwas herausgekommen, sag ich. Ich frag ihn aber nicht ob das auch leitliniengerecht ist.

Beim Lift geht einmal die Tür zu wie ich hinein rolle. Ein paar Frauen sind schon drin. „Vorsicht, dass ihnen nicht einzwickt" sagt eine. „Um mi wars eh ned schad“, sag ich. Die Damen kichern und meinen das wäre fishing for compliments.

Im Wartebereich lese ich eine Reklame für ein Tens-Gerät bei Neuropathie. Klinische Studien belegen die Wirksamkeit, steht da. So groß kann der Mist aber gar nicht sein, dass nicht klinische Studien eine Wirksamkeit belegen. Für alles was sich verkaufen lässt ist auch die Wirksamkeit belegt. Aus gegebenem Anlass ist das Wort „Studie“ sowieso ein Reizwort für mich.

Um der Physiotherapeutin einen Gefallen zu tun, stimme ich zu dass mir neue Peroneusschienen besorgt werden. Plastikeinlagen für die Schuhe, die an der Wade mit Klettband befestigt werden. Leider erfahre ich erst zu spät, dass die unscheinbaren Plastikdinger, Materialwert fünf Euro, wenns hoch kommt, die Solidargemeinschaft mit 280 (zweihundertachtzig) Euro belasten. Wie gesagt, ich erfuhr das zu spät. Eine Frechheit. Man sollte das boykottieren! Nicht nur hier. Weltweit sollten die Patienten streiken und das ganze Zeug nicht mehr hernehmen bis es nur noch die Hälfte kostet. Und das ist immer noch zu viel! 280 Eur für zwei Plastikteile! Warum akzeptieren die Kassen sowas? Eine Unverschämtheit, wie so vieles in der Medizin.

Am Nachmittag fahre ich mit dem Radl im Loisachmoos herum. Erst nachdem ich dreimal im Kreis gefahren bin, finde ich über Umwege aus diesem komischen Moos wieder heraus. Ich benenne die Tour Mist 2. Danach genehmige ich mir in der Reindlschmiede einen Schweinsbraten.

Kaum hab ich aufgegessen, zieht ein Riesengewitter auf. Gerade noch komm ich trocken zum Auto.



1-3  Radtour im Loisach-Filz
4-6  Ein Gewitter zieht auf, es erwischte mich aber nicht


7.9. (Freitag)

Regen. Heute geht nur einer von vier Aufzügen.

Die Aufzüge ein Thema für sich. Zwei von Vier sind zu wenig. Einer von vier: Da kommen auch Duldsame an ihre Grenzen. Man wartet, der Aufzug fährt grundsätzlich in die falsche Richtung, hält an allen Stationen, auch wo niemand steht. Die Tür scheint dann zu warten ob nicht doch noch einer kommt, bis sie endlich wieder zugeht.

Wenn man gewartet hat, freut man sich wenn  die Tür aufgeht. Aber was sieht man dann oft: Drinnen alles voll. Bis auf den letzten Quadratzentimeter. Rollstuhlfahrer, Omis mit Rollator und andere Patienten, die meisten nicht sehr schlank. Die Türe geht zu und das ganze wiederholt sich. Wenn man schließlich doch einen Platz kriegt und endlich die Tür am Zugehen ist, freut man sich wenn noch einer, wenn die Tür fast zu ist,  seine Krücke in die Lichtschranke hält und die Tür wieder aufgeht. Gott – und die Aufzüge – prüfen uns.  


8.9. (Samstag)

Mit dem Radl am Wallberg. Von Rottach-Egern aus. Ganz schön weit und anstrengend, glücklich liege ich oben in der Wiese. Bei der Heimfahrt kehre ich beim Tegernseer Hof ein in der Nähe vom Tegernsee. Am Parkplatz stehen ein paar ansprechende Autos. Ferrari, Lamborghini, Porsche, nicht übel. Die Besitzer sind weniger schön, Lackaffen. Am Nachbartisch machen sie ihre Späße, laut, protzig, Sektflaschen stehen herum. Froh bin ich, dass ich nicht gut drauf sein und keinen Blödsinn labern muss. Schließlich brechen sie auf. Als sie ihre Kisten anlassen, ist das schon ein schönes Geräusch. Das muss man ihnen lassen.

Ich sitze in der Sonne, das Augustinerbier schmeckt vorzüglich, der Schweinsbraten für 11.90 ist doppelt so groß wie der in der Reindlschmiede, zart, zwei Knödel und die Soße so bemessen, dass sie genau bis zum letzten Stück Knödel reicht. So stellt man sich das vor.


9.9. (Sonntag)

Mit dem Radl im Steinbachtal, von Gaißach aus. Ein schönes Tal, viel Wald,  außer ein paar Mountainbikern kein Mensch unterwegs, zum Schluss ganz schön steil, die gestrige Tour steckt mir noch in den Knochen. Leider geht kurz vor einer Alm (Auer Alm) die Straße in einen Fußweg über, sodass ich mit dem Handradl nicht weiterkomme. Beim Heimfahren kehre ich noch in der Jachenau ein. Zurück wollte ich über den Walchensee, fahre aber auf den Rückreisestau vorm Kesselberg auf. Die Münchner sind an den Wochenenden eine Landplage hier. Der Rückweg über die Jachenau und Lenggries ist weit, aber ich hasse im Stau stehen.


10.9. (Montag)

In der Nacht hab ich eine Mücke im Zimmer. Nur wenn ich die Ohrenstöpsel heraus nehme höre ich sie wenn sie auf mir landen will, dafür ist aber auch das Geschnarche im Nachbarzimmer nicht auszuhalten. Eine Zwickmühle.

Zum Glück erwisch ich sie irgendwann und kann die Ohrenstöpsel wieder reintun.

Beim Mittagessen meint Heinz, mein Tischnachbar, dass die meisten Frauen hier wirklich Riesenärsche haben, wie er es formuliert. Bei unvoreingenommener Betrachtung muss man ihm recht geben. Ich erzähle den Witz vom neuen Viagra für lang Verheiratete: Neben der Hauptwirkung trübt es für einige Minuten den Blick. Zwar gemein, aber irgendwie lustig auch.

Heinz hat mit den Frauen anscheinend kein Glück gehabt, wie seinen Reden zu entnehmen  ist. Besonders nicht mit den schönen.


11.9. (Dienstag)

Die Dame in der Physikalischen Abteilung, die das Schaumpulver in die Fußwannen schüttet  ist heute schlecht drauf. Mit der Kollegin höre ich sie schimpfen was das für ein Stress ist hier. Zwar muss sie nur alle 20 Minuten das Pulver reinschütten und nach 20 Minuten das Wasser wieder rauslassen, was mir so stressig auch wieder nicht vorkommt. Aber so hat sie genügend Zeit zum Schimpfen.

Am Nachmittag fahre ich zum Steg 1 in Possenhausen am Starnberger See. Voll angesagt, der Ort. Jeder der auf sich hält muss da mal gewesen sein. Es ist warm, außer dem Aperol Spritz kann ich sogar noch im See baden in der Nachmittagssonne.


12.9. (Mittwoch)

Nach dem Frühstück fotografiere ich wieder die Blumen vor der Klinik. Ganz in der Nähe stehen die Raucherbänke, die nach dem Essen  immer gut frequentiert sind und ich höre ein bißchen zu was dort gesprochen wird. Dem einen passt was an den Medikamenten  nicht, die er nehmen soll. Ein anderer erzählt was von den Arbeitsbedingungen in Japan. Wahrscheinlich war er noch nie in Japan aber er weiß es genau. Und wenn er seinen Koffer streichelt, geht doppelt so viel hinein, sagt er. Die Raucher sind eine große Familie. Zumindest beim Qualmen sind sie immer gut aufgelegt und haben immer irgendeinen Blödsinn zu besprechen. Als Raucher bist du nie allein. Ein etwas älterer Türke ist auch da, wohl Schlaganfall. Er kennt sich nicht aus im Haus und der Hol- und Bringdienst hat eine Menge zu tun mit ihm. Nur zu den Raucherbänken, da findet er allein hin. Und zurück. Wie dem auch sei. Ich fotografiere lieber meine Blumen.

Am Nachmittag treffe ich mich mit Peter und Angelika, die aus München kommen, am Tegernsee. Das Bier im Bräustüberl schmeckt wundervoll, dazu gibt’s eine Schweinshaxe. Nicht umsonst kriegt man den ganzen Sommer kaum einen Platz dort. Wir wechseln dann noch zum Seestüberl. Beim Rübergehen am See entlang macht mich Angelika auf zwei Damen aufmerksam, Mutter und Tochter, beide durchaus in die Jahre gekommen, aber aufgetakelt bis zum geht nicht mehr. Was ich dazu meine? Wenn ich mal zu Geld komm, sag ich, beschäftige ich die beiden als Vogelscheuchen in meinem Garten, für 3,50 die Stunde. Angelika findet die Idee hervorragend. Zum Sonnenuntergang gibt’s dann einen Aperol Spritz und dann noch einen. Das Licht der untergehenden Sonne lässt die Aperol Spritz-Gläser erstrahlen. Schön anzuschauen. Zur Erinnerung mach ich ein Foto.

Das Seestüberl liegt nicht weit von der Orthopädischen Klinik Tegernsee. Wenn sich eine Kurklinik in der Nähe einer Gaststätte, Bar oder sonstwas wo man zechen kann, befindet, kann da eigentlich nicht mehr viel schiefgehen. Umsatz garantiert. So auch hier. Nach dem Abendessen kommen immer mehr Patienten  herüber und es wird immer lustiger. Ein schöner Abend. Dass in der Kur, wie Studien herausgefunden haben, die Lebensqualität steigt, darüber braucht man sich nicht zu wundern.



1/2    Peter und Angelika kamen aus München zum Sundowner an den Tegernsee
3        Als ich ihr sage, dass ihr güldenes Haar in der Sonne glänzt, meinte sie "Krampf"
4-6    Mysthisches Funkeln der Aperol Spritz-Gläser

 

13.9. (Donnerstag)

Nach dem Frühstück belausche ich wieder aus einiger Entfernung die Raucher. Ein Schwabe führt heute das große Wort. Er spricht von einer Liegetherapie. Ob er da bloß liegen soll und blöd schauen? Ich weiß es auch nicht. Auch an der Quarkausgabe, die jeden Tag zu einer bestimmten Zeit erfolgt, hat er was auszusetzen. Quarkausgabe: klingt nett. Den sollen sie sich dann irgendwo hinschmieren, wo´s weh tut. Bei vielen, denke ich, ist es schade um den Quark.

Am Nachmittag mit dem Radl auf der Hinteren Längentalalm von Arzbach aus. Es ist teilweise ziemlich steil, oben dann weit ein Tal hinter unter der Benediktenwand. Sehr schön. Ohne Schieben gehts leider nicht. Beim Runterfahren bis Sonnenuntergang in einer Wiese gesonnt.


14.9. (Freitag)

Am Abend lade ich Ursula (83) auf ein Vierterl ein. Sie kann es gar nicht glauben, dass sie von einem jungen gutaussehenden Mann eingeladen wird. Sie ist jedenfalls immer noch eine interessante Frau, hat Humor und es ist angenehm sich mit ihr zu unterhalten.

Am nächsten Tag revanchiert sie sich.

Der Schnarcher ist heute heimgefahren. Mehr als zwei Wochen Schnarchen, ohne Ohrenstöpsel nicht auszuhalten, liegen hinter mir.

 

15.9. (Samstag)

Keine Aufzeichnungen


16.9. (Sonntag)

Mit dem Radl rund um die Zugspitze. Allein. 80 km, 1400 Höhenmeter. Das ist eine Geschichte für sich.

 

17.9. (Montag)

Heute Wäsche gewaschen. Hat gut hingehauen.


18.9. (Dienstag)

Beim Mittagessen Gespräch über die Wiesn, die bald wieder losgeht. „Die Weiber putzen sich her, schnüren die Brüste nach oben, Knackärsche im Dirndlgwand und wenn einer mal hinlangt schrein sie so eine Unverschämtheit“, meint Heinz.

Darüber muss ich noch nachdenken. Aber dass die Maß bald 12 Euro kostet ist auf jeden Fall eine Unverschämtheit.

Am Nachmittag mit dem Radl auf der Waldherralm von Tölz aus. Zuerst an der Isar entlang, dann ists nicht mehr weit. Schöne Gegend.

 

19.9. (Mittwoch)

Am Nachmittag Radltour von Gaißach nach Reichersbeuern. Ein Wald der nicht aufhört. Auf der Hauptstraße zurück. Nicht das Wahre. Erst zum Schluss kann ich abbiegen und auf Nebenstraßen zurück in Richtung Gaißach fahren. Die Landschaft ist etwas unübersichtlich und Karte hab ich keine dabei. Wo ist Gaißach? Als mir dann eine Frau mit einem ziemlich dicken Kind entgegenkommt, weiß ich, dass Gaißach – wo die Kinderklinik steht – nicht mehr weit ist.

Abends nochmal Bräustüberl mit Peter und Angelika, danach wieder Seestüberl.

Ich bin etwas eher im Bräustüberl und muss warten. So esse ich vorher noch eine Portion Leberkas und kaufe mir ein Tegernseer Bräustüberlradtrikot, das leider 75 Euro kostet. Aber ab jetzt gehöre ich jedenfalls zum Bräustüberl-Racingteam.

Wieder ein schöner Abend.


20.9. (Donnerstag)

Am Frühstückstisch sitzt eine Neue. Alter und Nettheit ähnlich wie Ursula.

Mittag: Am Nachbartisch sitzt einer, aus dem man mühelos zwei machen könnte. Er frisst auch für zwei. Jeden Tag zwei Suppen und zwei Nachspeisen.

Im Speisesaal sitze ich mit Blick zum Eingang, so dass ich alle die kommen und gehen sehen kann. Die meisten kennt man schon. Aber heute kommt eine neue herein, ziemlich klein und nicht mehr die jüngste, mit Brüsten wie Fußbälle unter der Bluse. Keine Übertreibung, auffallend, kaum zu glauben. Ein Wunder der Natur. Wie auch eine Ungerechtigkeit mehr auf der Welt. Manche haben viel zu viel, wohingegen nicht wenige leicht ein bisschen mehr vertragen könnten, busenmäßig. Aber was soll man machen.

Am Nachmittag fahre ich nach Ohlstadt. Urte mit Freundin, die in Garmisch weilen, wollten mich nach ihrer Bergtour dort treffen. Ich höre nichts mehr, die Tour dauert offenbar länger als gedacht. Vorsichtshalber fahr ich mal zum angedachten Treffpunkt. Von den Mädchen weit und breit nichts zu sehen, auch keine Nachricht. Dafür finde ich ein Wirtshaus mit Biergarten in der Sonne  (Gasthaus Alpenblick). Wenig Gäste, in angenehmer Ruhe mit schönem Blick auf die Berge verspeise ich ein Schnitzel.

Gerade als ich fertig bin, kommt eine vorbei, die zuvor schon mal in die andere Richtung marschiert ist. Mimik und Gesamterscheinung lassen darauf schließen, dass sie nichts dagegen hat, wenn ich sie auf ein Achterl einlade. Und täusche mich nicht. Ich erfahre dass sie, Anette, hier eine Fortbildung für Schwerbehindertenvertretungen macht. Wie interessant. Es ergibt sich eine nette Unterhaltung. Aber allein wärs mir auch nicht langweilig gewesen.

 

21.9 (Freitag)

Frühstück. An einem anderen Tisch sitzt ein junger Patient, den man beim Frühstücken und auch sonst den ganzen Tag nur mit Kopfhörern rumlaufen sieht. Das find ich blöd, sag ich, und unhöflich. Meine neue Tischgefährtin meint, dass sie sich auch schon die ganze Zeit überlegt, ob sie von hinten hingehen und beidseitig von der Seite draufhauen soll. Frauen sind schon interessante Wesen. Beim Frühstücken isst sie immer ihre Morgenration an Tabletten, sechs Stück, auch ziemlich dicke, auf einmal. Ein Schluck Wasser hinterher, und drunten sind sie. Ich könnte das nicht.

Am Nachbartisch sitzt einer, der aufgrund seiner Gesamterscheinung und seiner Reden unschwer als Münchner identifizierbar ist. Mit typischem Münchner Charme. Als eine Patientin mit Rollstuhl, die ein beträchtliches Talent hat, im Speisesaal im Weg umzugehen, wieder mal im Weg umgeht, hört man deutlich seine Empfehlung: „fahrts doch de oide Schachtel z´sam“. Aber sonst ist er recht nett. Harte Schale, weicher Kern. Ein Münchner eben.

 

22.9. (Samstag)

Radtour über Giebelhaus ins Bärgündeletal.

 

23.9. (Sonntag)

 

24.9. (Montag)

Nach dem Frühstück besuche ich wieder das Blumenbeet. Auf den Raucherbänken sitzt heute einer ganz allein. Ein fetter Sack (man kann es nicht anders nennen).  Brodelnder Husten, als ich vorbeikomme. „Das kommt vom Rauchen“ sag ich. Er: „nicht allein vom Rauchen“ Ich: von was denn noch?“ Er: „Im Moment ist die Luft so kalt“. Ich winke ab und gehe weiter. Irgendwie nerven sie mich immer mehr, die Raucher.

Am Abend fahre ich zum Walchensee und betrachte den See und den Vollmond. Die Berge sind zum ersten Mal angeschneit. 4.5 Grad hats, der Sommer ist erst mal vorbei. Auf Hirsche horche ich auch, aber nichts zu hören.

 

25.9. (Dienstag)

Ziemlich kalt in der Früh. In der Morgensonne mach ich wieder Blumenaufnahmen. Heute führt ein Wiener das große Wort in der Raucherecke. Dass er Wiener ist erkennt man an dem raunzigen Dialekt. Es geht um irgendwas mit klarer Suppe und Knödelsuppe. Auf die Frage seines Rauchnachbarn, ob es ihm was gebracht hätte hier, meint er es wäre gescheiter gewesen wenn er daheim geblieben wäre. Ich nehme stark an, dass seine Krankheit zur weiteren Vermeidung von Erwerbsstätigkeit unverzichtbar ist. Seine Anwesenheit hier kann man jedenfalls als Perlen vor die Schweine bezeichnen.


26.9. (Mittwoch)

Im Nachbarzimmer, wo der Schnarcher lag, stellt einer um halb 6 Uhr in der Früh den Fernseher so laut, dass ich senkrecht im Bett stehe. Eine Unverschämtheit. In der Unterhose geh ich raus und klopfe unmissverständlich an der Tür. Nach einiger Zeit macht einer auf und fragt mich obs bei mir auch so laut geklopft hätte. Witzbold. Aber er macht den Fernseher leiser.

Ein Traumherbsttag. Spontan beschließe ich, am Nachmittag auf´s Plumsjoch  hinauf zu fahren. Nach dem Mittagessen breche ich auf. Eine Stunde Anfahrt nach Hinterriß. Im Radio bringen sie eine Sendung über Plastische Chirurgie bzw. Schönheitschirurgie. Musik dazwischen. Der Botox-Walzer sehr originell. Noch besser gefällt mir eine anderes Lied mit Textstelle: „Wegen Emils unanständ´ger Lust, lass ich ken Doktor an meine Brust“. Sehr amüsant.  

Um 1 Uhr fahre ich bei der Mautstelle in Hinterriß los. Erst mal in Richtung Ahornboden und kurz davor links ab. Ziemlich holperig ist der Sandweg am Anfang, hernach wird´s besser. Nicht besonders steil aber auch nicht flach, geht’s hinauf, landschaftlich einmalig schön, oder gefällts mir heute besonders?. In Höhe der Plumsalm mach ich eine Pause und hätte gern einen Müsliriegel gegessen, den ich aber vergessen habe. Wenigstens hab ich was zu trinken dabei, Heilwasser aus Bad Heilbrunn. Es schaut nicht mehr weit aus, aber das täuscht. Den ganzen Weg war ich allein unterwegs, nun holt mich einer ein und geht mit mir. Am Anfang finde ich das gar nicht gut, aber Uwe, so heißt er, redet nicht viel und drum stört er weniger als befürchtet. Als ich mich weiter oben in lockerem Schotter festfahre und er mich ein paar Meter schiebt, bin ich sogar noch froh um ihn. Bald darauf, um vier Uhr, kommen wir zur Hütte. Die warme Nachmittagssonne macht ein mildes Licht, die Aussicht ist prächtig und eine auffallende Stille liegt über der Landschaft. Außer Uwe und mir sind nur zwei Gäste da, ein Mann und eine Frau, die in der Sonne liegen. Man bringt mir eine Russenmaß und eine Kaspressknödelsuppe, was will man mehr. Ich erzähle den anderen, dass ich eigentlich Kurgast in Bad Heilbrunn bin und am Nachmittag eine Anwendung 15 Minuten Handergometer mit 30 Watt Belastung gehabt hätte, die ich ausfallen ließ. „Ich hab mir gedacht wenn ich da herauf fahr´ ist es auch nicht schlechter“ sage ich, was die anderen lustig finden. Als die Sonne tief steht, geb ich noch, um die anderen an meinem Glück teilhaben zu lassen, eine Runde Schnaps aus, bevor ich hinunter fahre. In göttlicher Ruhe im Licht der tief stehenden Sonne. Ziemlich weit oben im Wald der erste Mensch. Mit dem Auto ist er herauf gefahren und eine Motorsäge hat er auch mitgebracht. Die macht einen Höllenlärm. In kurzen Augenblicken zersägt der Mensch einen Baum, der Jahrzehnte gebraucht hat bis zu seiner Größe. Meterhoher Schnee und Stürme konnten ihm nichts anhaben, bis der Mensch kam. Im Vorbeifahren denke ich mir dass es langsam Zeit wird dass die ganze Menschheit wieder von der Bildfläche verschwindet. Sonst keine Zwischenfälle. Als ich das Radl ins Auto einlade röhrt noch ganz in der Nähe ein Hirsch. Ein außergewöhnlicher Tag.


27.9. (Donnerstag)

Am Vormittag im Aufzug ist einer besonders schlecht drauf. Grantelt herum, die Mitfahrer schauen ganz betreten. Ich lass mich nicht anstecken, rede ihn an, was ich gesagt habe weiß ich nicht mehr. Jedenfalls erzählt er, Schlaganfallpatient, mir dann, dass er in der Früh schon zehn Minuten gebraucht habe, bis er die Schuhe angehabt habe. Verständlich dass das nervt, sage ich und er ist gleich besser drauf. Deeskalation, glaub ich, nennt man das. Aber das funktioniert nur wenn man selber gut drauf ist.

Man darf manchmal den Übellaunigen nicht auf die Schaufel springen. Heinz erzählt, dass die eine am Nachbartisch, die sich gern über alles aufregt, am Morgen bitterlich geweint habe. Ich hörte sie nur zuvor, dass sie über die Ärzte schimpfte, dass die gar nicht interessiert, wenn man was sagt. Auch das Zimmermädchen habe sie hinausgeschmissen, warum sagt sie nicht, nur dass sie sonst keine Rassistin ist. Oje, schwierig wenn Menschen das eigene Unglück an anderen abreagieren.

Der Dicke vom Nachbartisch, der wie ich bereits sagte, für zwei frisst, ist auch in der Cafeteria immer der erste, weiß Anne. „Den möchte ich mal nackert sehen“ meint sie. Frauen sind lustig.

Am Vormittag noch müde von gestern, aber beim Fango sehe ich immer Bilder von der Eng vor meinem inneren Auge. Mittag fühle ich mich soweit gestärkt, dass ich beschließe, nochmal zum Ahornboden zu fahren Ahornbäume fotografieren, die in der Herbstsonne leuchten. Viele Bilder gemacht, dann noch in der letzten Wirtschaft im Almdorf eingekehrt. Ein älterer Herr sitzt auch da, allein und wir kommen ins Gespräch. Ich erfahre dass er Segelflieger war, begeisterter Segelflieger, aber für die Ehe sei das Gift, meint er. Warum er aufgehört habe? Eine beinahe Bruchlandung, was auch schiefgehen hätte können. Schließlich zahlt er und geht ohne sich zu verabschieden oder mich nochmal anzuschaun. Man muss schon aufpassen, dass man nicht seltsam wird, wenn man im Alter allein ist.


1-9  Ende September erstrahlen die Ahornbäume in der Eng in Gold-Gelb

28.9. (Freitag)

Ein junger Typ an einem der Nachbartische. Beim Frühstück glotzt er pausenlos auf sein Handy. Im Wartebereich sehe ich ihn wieder. Da glotzt er wieder auf sein Handy. Aber Mittag isst er ohne auf sein Handy zu glotzen. Immerhin. Heute erst sehe ich dass es für die Nikotiniker noch eine weitere Möglichkeit gibt wo sie sich ihren Qualm reinziehen können: Das Raucherhüttchen am Hintereingang. Ich fahr mal hin und schau es mir an. Gemütlich ist es überhaupt nicht, fensterlos aber überdacht. Auf Bänken hocken sie um eine Art Mülltonne herum, für die Kippen, und merken überhaupt nicht wie erbärmlich das ist.

Marie und Doris, zwei junge Patientinnen, die auch noch ganz nett sind, fahren heim. Zum Abschied wollen sie abends noch in die Cafeteria kommen. Michael und ich bestellen schon mal ein Fläschchen Sekt, aber die Hühner kommen nicht. So trinken wir den Sekt allein.

Von einem anderen Patienten erfahre ich, dass er gar nicht hierher, sondern eine ambulante Reha machen wollte. Die ambulante Reha hätte aber zwei Kilometer zu weit weg von seinem Heimatort stattgefunden, und wegen der Fahrkosten sei das für die Krankenkasse nicht tragbar gewesen. Er hätte die Fahrkosten auch selber bezahlt, aber trotzdem  ging das nicht. So sei er hier, stationär, was bestimmt dreimal so teuer kommt, aber das sei für die Kasse kein Problem. Kaum zu glauben, aber so ist es.

Ein anderer Patient, Toni, der jeden Abend in der Cafeteria ein paar Weißbierchen trinkt,  kann nach Schlaganfall nur lallen, schade, manchmal will er auch was sagen, aber  man versteht ihn nicht. Einmal kam die Rede auf einen Schauspieler, einen ganz bekannten, aber niemand fiel der Name ein, nur der Toni wusste ihn sofort. Zwar dauerte es, bis wir anderen es verstanden, aber interessant ist, dass bei dem Toni das Gehirn und Gedächtnis anscheinend gut funktionieren, er aber das, was er weiß, nicht mehr rausbringt. Nett ist, dass die anderen Patienten, zumindest manche, den Toni in die abendliche Cafeteria-Gesellschaft mit einbeziehen, auch wenn er bloß zuhören kann. Dass der Toni ein Gemütsmensch ist, das merkt man gleich.

Außerdem gibt er sich gänzlich unverfälscht und  natürlich. Wenn er beim Rülpsen mal vergisst, den Mund zuzumachen, nimmt ihm das keiner übel. Was auch noch interessant ist: Toni scheint ein schwerreicher Mann zu sein. Als Landwirt gehörte ihm in der Nähe von München Grund, sehr viel Grund, und man kann sich vorstellen was da bei Verkauf rauskommt. Millionen.

Keine Ahnung wie Michael, der mir das erzählte, es erfahren hat. Was er auch noch wusste: Nach Grundverkauf und Schlaganfall hatte Toni auf einmal sehr viele Freunde, die seine Nähe suchten. Auch Bemühungen von Seiten der Verwandtschaft, ihn zu entmündigen, seien zu verzeichnen gewesen. Kann ich mir gut vorstellen. Christliche Nächstenliebe oder Familienbande halten sich meisten nur so lange, bis es was zu erben gibt.

Was noch erzählt wird: Einer mit Schlaganfall erkannte seine Frau nicht mehr, als sie ihn besuchte, was die Frau  gar nicht lustig fand. Obs stimmt weiß ich nicht weil es wird ja viel erzählt wenn der Tag lang ist.


29.9. (Samstag)

Mit der Seilbahn am Herzogstand. Schönstes Wetter. Bei der nahen Hütte ess ich einen Kaiserschmarrn. Am Rückweg macht einer mit Stativ und Profikamera Bilder von einem Mädchen mit außergewöhnlich schönen Haaren. Gegen die Figur ist auch nichts zu einzuwenden. Ganz im Gegenteil. Eine Zeitlang schau ich zu, dann frage ich ob es was kostet wenn ich auch ein paar Bilder mache. Nein, meint der Fotograf und die Schöne schenkt mir ein zauberhaftes Lächeln. So komme ich gratis zu Bildern von einem Modell.  Eine Verschleierte kommt auch am Weg vorbei, die fotografiere ich auch, als Kontrast.



1-3   Seilbahn auf den Herzogstand mit Tiefblick auf den Walchensee
4-8   Das Modell am Herzogstand schenkte mir sogar ein Lächeln
  9     Clush of Cultures on Herzogstand


30.9. (Sonntag)

Kenzenhütte, Lobental. Mit dem Rad fahr ich hinauf zur Hütte, wo ich einkehre. Hinunter über´s Lobental. In dem Nachbartal fahre ich dann noch so weit hinauf wie die Straße geht. Wo es nicht mehr weitergeht lege ich mich ins Gras und lass mich von der Nachmittagssonne bescheinen. Kein Schwein unterwegs. Ganz in der Nähe röhren zwei Hirsche. Sehr eindrucksvoll.


1.10. (Montag)

Einkaufen in Benediktbeuern. Schokolade, Erdnüsse und Salzletten, Wochenlang nichts davon gehabt. Das ist auch nicht gesund.


2.10. (Dienstag)

kein Eintrag


3.10. (Mittwoch)

Feiertag. Bis Mittag im Bett. Am Nachmittag weiter geschlafen.

Am Abend Vortrag über die heimische Tier- und Pflanzenwelt.


4.10. (Mittwoch)

Bei der Hydromassage wird’s auf einmal so nass. Das Wasserbett ist undicht. Ausgerechnet bei mir. Aber es gibt Schlimmeres. Am Nachmittag fahre ich zum Graf nach Peissenberg wegen meinem Handgas. Der Fehler wird rasch behoben. Beim Zurückfahren mach ich einen Abstecher zum Staffelsee, lang im Gasthaus Alpenblick gesessen in der Sonne, Blick über den See in die Berge, ein besonderer Ort.


5.10. (Donnerstag)

Ein sehr Dicker liegt zwei Zimmer neben mir. Wenn er nur fünf  Meter geht, schnauft er wie ein Walross.

In der Nacht Dünnschiss. Was soll das?! Der viele Salat? Aber nur einmal. Am nächsten Tag ists vorbei.

Sechs Wochen kein einziges Mal Fernsehen geschaut.


6.10. (Freitag)

Rappenalptal von Oberstdorf. Wunderbar.


7.10. (Samstag)

Packen, viel hab ich ja nicht. Bevor ich heimfahre, lieg ich noch ein paar Minuten am Bett und schau mir

den Rauchmelder an der Decke an. Zum Abschied.