Homepage von Albert Hirschbichler

Geschichten und Bilder

Der Beitrag erschien

am 03. 07. 2020 im Berchtesgadener Anzeiger

und am 04. 07. 2020 im Reichenhaller Tagblatt (PNP)


In memoriam Heini Brandner

von Albert Hirschbichler

 

Am 05.07.2018 verstarb im Alter von 72 Jahren der Berchtesgadener Heini Brandner infolge eines tragischen Verkehrsunfalls. Anlässlich seines 2. Todestages soll in einigen Zeilen an einen der besten Kletterer der 1970er Jahre im Berchtesgadener Land erinnert werden.

 

Geboren am 5. März 1946 in Berchtesgaden, begann Heini, wie ihn seine Freunde nannten, schon im Jugendalter  mit dem Klettern.

Mit 14 Jahren wurde als erste Klettertour mit Bruder Michael in Lederhosen der Kleine Watzmann bestiegen. Von einem Nachbarn bekam er ein Seil geschenkt, so gerüstet zog er mit seinem Schulkameraden ins Gebirge.

 

Nach der Schule begann er eine Lehre beim Berchtesgadener  Elektroinstallationsbetrieb Tschammer-Osten.

Den Gesellenbrief in der Tasche folgte nach den ersten Berufsjahren im April 1966 erst einmal die Einberufung zur Grundausbildung bei der Bundeswehr in der General-Konrad-Kaserne (heute Hochstaufen-Kaserne) in Bad Reichenhall.

 

Zum gleichen Zeitpunkt ebenfalls dort einberufen wurden die Berchtesgadener Norbert Rechler und Roland Bannert, mit denen er in der Folgezeit häufig unterwegs war. Nach der Grundausbildung kamen alle drei zum Hochzug in Berchtesgaden/Strub, zusammen mit dem Münchner Hans Saler, eine starke Truppe. Als Kletterpartner der ersten Jahre dürfen der Königsseer Wenz Meissner und der Ramsauer Michael Gröll („Jagermuch“) nicht vergessen werden.

 

1966 gelang Heini mit der Dachführe (VI A3) an der Rabenwand über dem Königssee seine erste Erstbegehung, der bis in die 1980er Jahre hinein viele folgten. In den 60er und 70 er Jahren war er einer der aktivsten Kletterer weit und breit und jede freie Minute wurde am Berg verbracht. Viele der schwierigsten Klettereien in den Berchtesgadener Bergen (z.B. dir. Mühlsturzkante, dir. Jungfrau Südwand) wie auch im Wilden Kaiser (Fleischbankpfeiler, Schmuckkamin u.a.) wurden in der Zeit begangen und das oft in außergewöhnlich schnellen Begehungszeiten. In den Dolomiten gelangen mit Norbert Rechler die direkte Nordwand der Großen Zinne („Hasse-Brandler“), die „Solleder“ in der Civetta Nordwestwand wie auch die gefürchtete „Philipp-Flamm“ ebendort. Auch im Fels und Eis der Westalpen waren die beiden unterwegs. So in den Nordwänden der Aiguille de Triolet und Les Courtes, der Mont Blanc Brenvaflanke, in der Grand Capucin Ostwand u.a.

Im Jahr 1970 gelang den beiden die in dem Jahr einzige Begehung des Walkerpfeilers an den Grandes Jorasses bei äußerst schlechten Verhältnissen. Nach Wettersturz und anschließend beinahe winterlichen Verhältnissen waren zwei Biwaks fällig bevor sie den Gipfel erreichten.

 

Herausragend in den 60er Jahren waren die Erstbegehungen der Stegerturm Südwand (V+ A2) mit Stefan Kellerbauer 1967, des Nordpfeilers am Südl. Alpeltalkopf (VI A3) mit Michael Gröll 1968, sowie der direkten Göll Nordwestwand (VI) mit Norbert Rechler 1969.

 

1972 war er mit 26 Jahren der jüngste Teilnehmer der von Lorenz Heiss geleiteten Berchtesgadener Afghanistan-Expedition. Neben anderen Gipfeln wurde als höchster der Noshak Mittelgipfel (7350 m) im Hindukusch bestiegen.

 

In den 70er Jahren wurde der Bischofswiesener Hans Krafft zu seinem wesentlichen Kletterpartner. So wie die Seilschaften Josef Aschauer mit Sepp Kurz in den 20er Jahren und Anderl Hinterstoisser mit Toni Kurz in den 30er Jahren das Klettergeschehen in den Berchtesgadener Alpen geprägt hatten, dominierte in den 70er Jahren die legendäre Seilschaft Brandner/Krafft. Meistens zusammen, gelegentlich auch mit anderen Partnern gelangen zahlreiche Neutouren im damals obersten Schwierigkeitsgrad. Die beiden waren in den Berchtesgadener Bergen die wesentlichen Initiatoren einer Renaissance der Freikletterei, wie sie – nach dem „Direttissima-Zeitalter“ – ab Beginn der 70er Jahre auch in anderen Alpengebieten zu beobachten war. Mit nicht nachlassendem Eifer sammelten sie bis in die 80er Jahre Neutouren, meist im VI. Grad, insgesamt 16 an der Zahl.

 

Als Meisterstück gilt heute noch die Direkte Gelbe Mauer von 1972 am Untersberg. Umgeben von einem Nimbus sagenhafter Schwierigkeiten (VI+, A3) galt die teilweise mit wenigen und auch noch schlechten Haken abgesicherte Route lange als schwierigste Kletterei weit und breit. Die zweite Begehung gelang 1974 einer starken Münchner Seilschaft erst im dritten Anlauf. Danach gab es nur wenige Begehungen, bis die Route 1997 „saniert“, das heißt mit zusätzlichen Bohrhaken versehen wurde. Nach Protesten, dass die Route so gänzlich ihren kühnen Charakter verloren hatte, wurde die Route in einer aufwändigen Aktion „rücksaniert“, d.h. durch Entfernung von Bohrhaken in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt.

 

Nicht nur in den Berchtesgadener Bergen sondern auch in den gesamten Ostalpen, Dolomiten und Westalpen unternahmen die beiden schwierigste Bergfahrten. Als Mitglieder der Berchtesgadener Bergwacht waren sie bei spektakulären Rettungsaktionen an vorderster Stelle im Einsatz. 1983 war die „Plattenführe“ am Salzburger Hochthron mit Schwierigkeiten bis zum 7. Grad die letzte Erstbegehung der beiden.

 

Beruflich fiel ins Jahr 1974 die Meisterprüfung als Elektriker. In der Folgezeit arbeitete er bis zur Berentung beim Elektro Lochner in der Schönau.

 

Ab dem Jahr 1980 erweiterte Heini das Spektrum der Abenteuer durch den Tauchsport. Die meisten einheimischen Seen wurden betaucht, nicht zuletzt im Winter und auch bei Nacht. Bei einer Tauchaktion im Königssee – eigentlich damals schon verboten – fanden er und sein Begleiter dummerweise die Leiche eines bereits lange abgängigen Suicidanten. Was tun? Nach einigen Überlegungen meldeten sie die Sache doch und bekamen zum Glück keinen Ärger. Einige Jahre später wurde Heini Mitbegründer des Tauchclubs Berchtesgaden, bei dem er mehrere Jahre als 2. Vorstand wirkte und zum Ehrenmitglied ernannt wurde.

 

1981 heiratete Heini seine langjährige Freundin Ingrid. Keine leichte Aufgabe brachte für beide das Schicksal mit sich, als 1995

Tochter Christina infolge eines äußerst seltenen Gendefekts mit einem Handicap zur Welt kam.

 

In den 80er Jahren begann Heini neben dem Klettern, wie viele Bergsteiger damals, mit dem Gleitschirm-Fliegen. Eine unsanfte Landung auf gefrorenem Boden verlief 1988 noch einigermaßen glimpflich. Nicht so ein Absturz aus 8 Meter Höhe im Jahr 2004. Mit lebensgefährlichen Verletzungen und Symptomen einer Querschnittslähmung kam Heini ins Unfallkrankenhaus Salzburg. Nach drei Wochen künstlichem Koma war die Prognose, jemals wieder laufen zu können, denkbar schlecht, aber durch das Operationsgeschick eines Unfallchirurgen und seinen eisernen Trainingswillen blieb ihm ein Leben im Rollstuhl erspart.

Ganz folgenfrei blieb der Absturz nicht. Eine Fußheberschwäche machte dauerhaft Probleme, sodass Heini seine sportlichen Aktivitäten vorwiegend aufs Radfahren verlagerte.

 

Mit großer Begeisterung war er fast täglich mit seinem Rennrad im Landkreis unterwegs, so auch am Nachmittag des 5.7.2018. Er fuhr am rechten Fahrbahnrand der Königsseer Straße, war schon fast daheim. Das Auto, das von hinten kam und ihn erfasste, sah er nicht.

 

Auf die Frage nach dem Warum gibt es keine Antwort.

Als einer der besten Kletterer der 1970er Jahre des Berchtesgadener Landes wird Heini Brandner nicht nur seinen Bergkameraden in Erinnerung bleiben.


Bilder

1  Heini Brandner 1970 am Zustieg zum Walkerpfeiler der Grandes Jorasses

2  In der direkten Nordwand der großen Zinne (Hasse Brandler, VI A3)

3  Mit seinem Rennrad daheim am Königssee