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Geschichten und Bilder

Anmerkung:

Der Beitrag erschien im Jahresbericht 2018 der Sektion Bad Reichenhall des DAV 


Zum Tod von Erhard Riedl

 Am 30. Juni 2017 starb im Alter von 89 Jahren Erhard Riedl, einer der besten Reichenhaller Bergsteiger der Nachkriegsjahre. Geboren am 04.09.1927 in Reichenhall, absolvierte Erhard nach der Schule eine Schreinerlehre, bis er kurz vor Kriegsende noch zu einer Flakstellung am Obersalzberg eingezogen wurde. Als der Krieg dann aus war, setzte er sich, um der Gefangenschaft zu entgehen, mit Kameraden auf die Zehnkaser am Untersberg ab, eine wilde und abenteuerliche Zeit, wie man sich denken kann.

 

Danach machte Erhard eine Metzgerlehre und arbeitete bei verschiedenen Reichenhaller Metzgern, bis er sich als Lohnschlächter im Reichenhaller Schlachthof selbständig machte.

Ein Knochenjob im auch im Sommer unterkühlten Schlachthof. Als ich ihn später einmal fragte, ob er denn nicht auch einmal dieses „Burn Out“ gehabt hätte, das heute fast jeder hat, lachte Erhard nur: „Na, mia ham ja´s Geld braucht“, seine Antwort.

 

Mit dem Klettern begann Erhard früh. Eine der ersten Touren war die Untersberg-Südwand mit dem vier Jahre älteren Bruder Karli, Erhard war neun Jahre alt, barfuß, mit dem Wäscheseil der Mutter. Bereits mit 15 kletterte er Touren wie den Göll-Trichter, die Weitschartenkopf Nordwestwand, die Signalkopf Nordwand und viele andere schwere Routen in den Heimatbergen. Von Jugend an ging Erhard bei jeder Gelegenheit in die Berge. Meistens in die Berchtesgadener, weil das einzige Fortbewegungsmittel zu der Zeit das Fahrrad war. Die damaligen Touren des 6. Grades am Untersberg, an der Reiteralm, Göll, Watzmann bis in den Wilden Kaiser beging er oft mehrmals. Herausragend war die 2. Begehung der Dir. Mühlsturzkante (VI) mit Hans Lobenhoffer im Mai 1948 (zwölf Jahre nach der Erstbegehung durch Anderl Hinterstoisser und Toni Kurz!). Schon im Februar waren sie fast durch, mussten aber wegen Wettersturz abseilen. Bis in die 1970er Jahre galt die Tour als die schwierigste in den Berchtesgadener Alpen.

 

Zu seinen Kameraden zählten neben anderen Werner Thaler, Fritz Riegel, Hubert Assmann, Stefan Kraus, Guido Argstatter, Gustl Sperger und Albert Hirschbichler (sen.). Ein Höhepunkt im Bergsteigerleben von Erhard Riedl war sicherlich die 13. Begehung der Eiger-Nordwand im August 1953 mit A. Hirschbichler. Nach der Anreise – wie damals üblich – mit Fahrrädern, benötigten die beiden für den Durchstieg drei Tage mit zwei Biwaks. Ein weiteres kaltes Biwak war im Abstieg über die Westflanke fällig. Keiner Menschenseele hatten die beiden daheim von ihrem Plan erzählt. Und das war ein Wesenszug des Erhard. Er redete nicht viel. Nach Aussagen seiner Kletterpartner ein ausgesprochenes Klettertalent mit Bärenkräften bekam man von ihm, was seine Leistungen betrifft, kaum etwas heraus. Große Worte oder sich in den Vordergrund zu stellen, das war nicht Seins.

 

1957 heiratete Erhard seine aus Lofer stammende Frau Burgi. Im gleichen Jahr kam Sohn Wolfgang, ein Jahr später Tochter Hanni zur Welt. Ein großes Lebensprojekt war später der Bau eines Hauses in Karlstein, das 1972 fertig wurde. Die letzten Jahre bis zur Rente arbeitete Erhard dann als Zivilangestellter bei der Standortverwaltung. In die Berge ging er bis ins Alter, wobei er, da er kein Auto besaß, zum Ausgangspunkt meistens mit dem Radl fuhr.

So auch zur Watzmann Ostwand, die er öfters von Reichenhall aus in einem Tag durchstieg.

Mit 77 fuhr er dann aber auch schon mal mit dem Bus nach Berchtesgaden.

 

In der Nacht des 30. Juni hörte das Herz des Erhard im Beisein seiner Familie auf zu schlagen. Und wenn es im Jenseits eine Ostwand gibt, fährt der Erhard mit dem Radl hin und geht in einem Tag hinauf. Da trifft man sich dann wieder.

A. Hirschbichler



Erhard bei einem Arbeitseinsatz am Riegl-Kaser am Untersberg