Homepage von Albert Hirschbichler

Geschichten und Bilder

Leserbrief 4 (unveröffentlicht)
Anmerkung: Mit zunehmendem Alter stelle ich fest, dass mir die Selbstdarstellung von Sportlern und Vermarktung von Bereichen, die eigentlich nur schöne Nebensachen sind (Klettern, Skitouren etc.) zunehmend auf den Geist geht. Vielleicht gründe ich doch nochmal eine Initiative, dass, sobald jemand mit Redbull Kappe auf irgendeinem Gipfel oder -Logo am Steinschlaghelm in der Zeitung, Youtube, Fernsehen oder sonstwo in Erscheinung tritt, man sofort umblättern oder ausschalten sollte.
Dieses Denken entspricht nicht dem Zeitgeist, weshalb mein im März 2020 in "Panorama", dem Magazin des DAV, eingereichter Leserbrief auch nicht veröffentlicht wurde.

"Ich geh nie zu so Vorträgen von Kletterern, weil ich nicht einsehe dass ich fürs
Anschaun von Urlaubsbildern anderer Eintritt zahlen soll..." 
(so formulierte es ein früherer Kletterspezi)
Nicht unpassend in dem Zusammenhang auch ein Zitat, Friedrich Hölderlin zugeschrieben:
"Ach, den Leuten gefällt, was für den Jahrmarkt taugt!"

Und hier also der Leserbrief :

Performance vor der Linse

DAV Panorama 2/2020, S.12

„Sportliche Spitzenleistung, hautnah fotografiert - mit den Fotos von Heinz Zak etablierte Alexander Huber eine neue Dimension von Professionalität“ schreibt Malte Roeper in seiner Kolumne „Wendepunkte“.

 

Dazu einige Gedanken:

Ein Fotograf reist dem Akteur bis nach Amerika (ca. 8000 Flugkilometer!) nach, um Kletterbilder zu schießen. Allein das kein unerheblicher Aufwand. Die Aufnahmen in der Headwall der Salathe Route sind dann, wie anzunehmen ist, nicht während der eigentlichen Begehung entstanden.

Zum Fotoshooting seilte sich Alex vielmehr bei geeigneten Lichtverhältnissen ein Stück von oben in die Wand ab, nachdem in mehrtägigen Vorarbeiten seitlich der zu erkletternden Passage Fixseile installiert wurden, an denen der Fotograf dann „wie eine Spinne am Faden hin und her schwebte“ (lt. Text).

So entstanden Bilder, bei denen vermutlich nichts, von den Lichtverhältnissen über die Perspektive bis zum Outfit des Kletterers (freier Oberkörper, Farbe der Kletterhose) dem Zufall überlassen blieb. Vergleichbar einem Model am Laufsteg. Fehlt gerade noch dass sie den Alex zuvor noch geschminkt haben. Die Bilder eindrucksvoll, ohne Zweifel, „eine neue Dimension von Professionalität“ wie es Malte Roeper in seiner Kolumne nennt.

Und – wenn lt. Text die Bilder auf vierzehn Titelseiten der führenden Klettermagazine weltweit erschienen – eine neue Dimension der Selbstdarstellung und Kommerzialisierung.

Das ist jetzt 25 Jahre her. Wendepunkte. Beginn einer neuen Ära?

Wie es scheint, verlässt heute kaum noch ein Profibergsteiger seinen Trainingsraum ohne Kameramann wenn nicht einem ganzen Filmteam.

Der oder die stehen (oder besser gesagt hängen in Porterledges) dann bereit, wenn der Akteur (oft an einem entlegenen Winkel der Erdoberfläche) Hand an den Fels legt. Vom Stand der Begehung bis zur Ankunft am Gipfel erfährt die Welt zeitgleich über Internet.

Klappern gehört zum Handwerk, sagt man.

Professionelle Selbstdarstellung und Medienpräsenz sind wohl unverzichtbar wenn man vom Klettern leben will.

Die Kehrseite: Die Nähe zum Entertainment. Auch die Elite des Klettersports lässt sich heute vor den Karren der Unterhaltungsindustrie spannen. Beim Publikum (und bei den Sponsoren) besonders beliebt scheinen lebensgefährliche Aktionen (Kleinexpeditionen durch haarsträubende Himalayawände, Free Solo-Begehungen etc). Worüber eher selten gesprochen wird: die Ausfallquote bei den Spitzenbergsteigern. Nach einer neueren Statistik liegt die bei 38%.

„Brot und Spiele“ verlangte das Volk im alten Rom.

Neben Fußball, Abfahrts-Skirennen und Formel 1 scheinen dieses  Bedürfnis heute zunehmend auch die Profikletterer zu bedienen.  „Bergsteigen als romantische Lebensform“ – lang ist´s her.