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Geschichten und Bilder

Anmerkung

Der Beitrag erschien in der Ausgabe Samstag/Sonntag 29./30. Juli 2006 des Reichenhaller Tagblatts



Zum Gedenken an Jürgen Wellenkamp

* 1930     † 1956

 

2006 jährt sich der Todestag des Reichenhaller Bergsteigers Jürgen Wellenkamp zum 50. Mal. Das soll zum Anlass genommen werden, in einigen Zeilen an diesen so wenig bekannten wie vielseitig talentierten Reichenhaller Kletterer der Nachkriegszeit zu erinnern.

 

Im Alter von 14 Jahren begann Jürgen mit dem Klettern, Gefährte war der um ein Jahr jüngere Riegel Fritz. Durchwegs barfuß, mit einem Seil, an dem die Hausfrauen heute keine drei Unterhosen mehr aufhängen würden, begingen sie die klassischen Touren im 3. und 4. Schwierigkeitsgrad der Berchtesgadener Berge. Die erste Klettertour der beiden war, wie es sich für Reichenhaller Kraxler gehörte, die Montgelasnase. 1½ Jahre später waren sie schon so weit, dass sie sich – ohne wesentliche Verbesserung der Ausrüstung – an den 5. Grad wagten. Grundübelkante, dir. Watzmann West, Göll-Trichter usw., das waren die Touren, zu denen man mit dem Fahrrad anreisen konnte. So richtig mobil war ja niemand in den Nachkriegsjahren, den “Hungerjahren“. Aber weder der Hunger, noch die häufigen Reifenpannen hinderten die beiden daran, bei jeder nur denkbaren Gelegenheit zum Klettern zu gehen. Oft begingen sie die gleichen Touren immer wieder, was der Begeisterung keinen Abbruch tat. Bald waren sie beim 6. Grad angelangt und kletterten Touren wie die Wartsteinkante, den dir. Barthkamin (Winterbegehung), die Mühlsturzkante oder die 3. Kind Südkante. Eine herausragende Leistung der beiden war eine frühe Wiederholung der dir. Mühlsturzkante, mit Biwak wegen Gewitter. Noch einmal durchnass wurden sie dann beim Heimfahren mit dem Fahrrad, wie Jürgen in seinem Tagebuch vermerkt.

 

Nach dem Abitur im Reichenhaller Karlsgymnasium beginnt er ab Herbst 1948 das Studium der Mathematik in Münster. Da er sich als außergewöhnlich talentiert erweist, wird er schon ein Jahr später von seinem Professor zum Privatassistenten ernannt und erhält ein Stipendium. 1951 wechselt er nach München und macht mit links sein Vordiplom. Die Forderungen des Studiums beeinträchtigen die Zahl der Bergfahrten durchaus nicht, ganz im Gegenteil. Die Semesterferien gehören ganz dem Bergsteigen, und später - in München - auch die Wochenenden. Der Aktionsradius erweiterte sich. Er lernt die Dolomiten kennen, das Karwendel und die schwierigsten Touren im Wilden Kaiser.

 

Nebenbei beginnt er, sich für Literatur und Philosophie zu interessieren, lernt Sprachen und entdeckt seine Liebe zur Musik, er singt gern, kennt viele Lieder auswendig, spielt Blockflöte und Gitarre. In dieser Zeit beginnt er auch mit dem Fotografieren. In München ergeben sich Verbindungen, die ihm ein paar Jahre später die Teilnahme an zwei Expeditionen ermöglichen.

 

1950 lieferte Jürgen sein Meisterstück mit der ersten Begehung des dir. Ausstiegs an der Watzmann-Jungfrau Südwand. Ein Jahr zuvor erst war dem Riegel Fritz mit zwei Gefährten die Erstbegehung der Wand geglückt, die (mit dem Wellenkamp-Ausstieg) bis in die späten 70er Jahre als schwierigste Kletterei in den Berchtesgadener Bergen galt.

 

Ein Jahr später gelingt Jürgen und dem Berchtesgadener Erhard Sommer an einem Spätherbsttag die Erstbegehung der wundervollen Hochsäul-Südwand (Hagengebirge). Dass der Einstieg auch bei flotter Gehweise kaum unter vier Stunden zu erreichen ist, limitierte die Zahl der Anwärter trotz der landschaftlichen Einmaligkeit von jeher. Wenn man schaut, was der Geist des Kletterns heute ist, darf man annehmen, dass überhaupt niemand mehr die Ruhe in der Wand über dem Laubseelein stört.

 

Dann das Jahr 1952. Als 21jährigem gelingt Jürgen mit dem Wiener Karl Blach die 10. Durchsteigung der Eiger-Nordwand in nur 33 Stunden. Karl Blach war nur zufällig anwesend und wollte Jürgen und seinen Gefährten eigentlich bloß vom Zeltplatz bis zum Einstieg begleiten. Als sich der Gefährte nicht wohl fühlte, ging kurzentschlossen Blach an dessen Stelle mit. Schon am ersten Tag kamen sie bis über die Spinne, am nächsten Tag Mittag standen sie am Gipfel. Nur einmal zuvor und danach kaum mehr wurde die Wand in einer schnelleren Zeit durchstiegen. Dennoch verlief die Besteigung offenbar in einer recht gelassenen Atmosphäre. Über eine Rast von mehr als eineinhalb Stunden weit oben in der Rampe schreibt Jürgen: „Wir schauen, schauen, schauen. An wie vielen großartigen Stellen in den Bergen durften wir schon solche Rasten genießen, doch die Eigerwand ist einmalig...“ (zit. nach H. Harrer, Die weiße Spinne).

 

1952 beginnt Jürgen, Vorträge zu halten, den ersten im Oktober 1952 vor seiner Reichenhaller Heimatsektion.

„Es ist recht selten, dass in diesen traditionellen Vorträgen des Alpenvereins Bergsteiger der jungen Generation sprechen. Und es ist auch leicht einzusehen, warum es so ist: Man hat immer die auch recht begründete Angst, dass diese jungen Kletterer nun eine schwere Hakenseillänge nach der anderen mit Worten und Bildern schildern, dass man ihnen durch vernagelte Überhänge und in ein Gewirr von Seilen und Karabinern folgen muss und wenn dann, um die schöngeistige Seele darzutun, vom Blümlein am Wege geredet wird, dann glaubt man ihnen nicht so recht die Echtheit ihrer Empfindungen.
Ich freue mich und danke Ihnen, dass trotzdem auf dieses Risiko hin heute Abend so viele Interessierte erschienen sind. Ich hoffe, es gelingt mir, Sie merken zu lassen, dass die junge Bergsteigergeneration im allgemeinen besser als ihr Ruf ist, dass wir zwar das extreme Klettern sehr lieben, dass die Berge uns aber doch unsagbar viel mehr sind als Klettergerüste.“

Diese Zeilen im Original-Script, das erhalten ist, sagen viel über den Bergsteiger Jürgen Wellenkamp aus.

 

Ins Jahr 1953 fällt eine Winterbegehung der Watzmann Ostwand. Im gleichen Jahr führt ihn die erste von zwei Expeditionen an der Seite Heinrich Harrers und zweier Kameraden aus dem Kreis des Akademischen Alpenvereins München zu den unerforschten Bergen der Cordillera de Vilcanota in Südperu. Drei Sechstausender und vier Fünftausender wurden erstmals bestiegen.

 

1954 besucht er mit Hans Lobenhoffer, damals einer der stärksten hiesigen Kletterer, die Westalpen. Es gelingen mehrere Routen, darunter die Charmoz-Ostwand im Mont Blanc-Gebiet, worüber er einen Bericht im „Bergsteiger“ verfasst. Im darauffolgenden Winter, Anfang Januar 1955, gelingt Jürgen mit Gefährten eine Winterbegehung der Fleischbank-Ostwand. Einmal biwakieren sie in der Wand, die echt winterliche Verhältnisse aufweist. Auch hierüber erscheint ein Bericht im „Bergsteiger“ („Eine Januarnacht dauert vierzehn Stunden!...“).

 

Ein weiterer Höhepunkt seines Bergsteigerlebens war schließlich die Nepal-Expedition im Jahr 1955 mit Harald Biller aus Nürnberg und den Münchnern Heinz Steinmetz und Fritz Lobbichler. 26 Jahre war das bescheidene Durchschnittsalter der Expeditionsteilnehmer.

Ziel war die 7524 Meter hohe Annapurna IV, an der zuvor drei Expeditionen gescheitert waren. Selbstredend kann eine Expedition damals nicht mit einer von heute verglichen werden. Mehrere Wochen dauerte allein die Anreise und der anschließende Marsch mit mehreren Tonnen Gepäck – verteilt auf 130 Träger – an den Fuß des Berges. Und die Schönwetterfenster erfuhr man nicht über Satellitentelefon aus Innsbruck... Ihr höchstes Lager stand auf 6450 m, 1100 Höhenmeter sind es von dort zum Gipfel. Am 30. Mai brechen sie zu dritt in aller Früh auf – Lobbichler fühlte sich nicht wohl und blieb zurück. Weder steiles Eis, noch brüchige Felsen, noch ein „Quergang über einem ungeheuren Abgrund“ können sie aufhalten und am späten Nachmittag stehen sie schließlich oben, über einem Meer aus Cumuluswolken, aus denen nur die höchsten Gipfel herausragen, am Ziel ihrer Träume.

Beim Abstieg wird es finster und sie werden gezwungen, auf 7100 m eine eiskalte stürmische Nacht in einer verschneiten Spalte zu verbringen. Am Morgen scheint zum Glück wieder die Sonne. Seine Empfindungen beschreibt Jürgen als „Vorstufe zu den Bedingungen, die ein im All schwebender Mensch finden würde“... Nach dem Gipfelsieg bleiben sie einige Monate in Nepal und gewinnen tiefe Einblicke in die Lebensweise und Kultur der Menschen. Spontan besteigen sie noch mehrere Gipfel, darunter den Siebentausender Kang Guru (7009 m). Ein dreiviertel Jahr nach der Abreise im April kommen sie schließlich einen Tag vor Weihnachten wieder heim. Niemand ahnt, dass das Leben von Jürgen sieben Monate später zu Ende gehen wird.

 

Ein Winter liegt noch dazwischen, der wie die zuvor mit Skitouren, auch abendlichen und bei Vollmond, viel zu schnell vergeht. Ab April ist er, wie in den Tagebüchern vermerkt ist, so gut wie jedes Wochenende beim Klettern unterwegs. Man kann sich nur wundern, wie er es schafft, nebenbei auch noch ein Buch über die Nepal-Expedition zu schreiben, das bereits 1956 erscheint. Anfang Juli begeht er mit einem Freund noch einmal die Jungfrau Südwand. Unter schwierigsten Bedingungen entsteht eine Reihe Farbaufnahmen. „Das sind die Bilder unseres Lebens“ sagte er danach.

 

Zwei Wochen später fährt er ins Bergell. Die Südkante des Pizzo di Zocca, eines abgelegenen Berges über dem Val de Mello, wird seine letzte Kletterei. Beim Abstieg stolpert Jürgen auf einem Grashang und stürzt über einen Felsabsatz. Schwerverletzt wird er ins Krankenhaus von Morbegno eingeliefert, wo gute Hoffnungen auf Genesung bestehen. Eine Woche später, am 29. 7. 1956, stirbt Jürgen Wellenkamp 26-jährig plötzlich und unerwartet an einer Lungenembolie.

 



Ich danke Frau Leonore Rabl für die Bereitstellung der Tagebuch-Aufzeichnungen ihres Bruders.

 

Das 1956 im Schweizer Druck- und Verlagshaus erschienene Buch über die Deutsche Nepalexpedition 1955 (Heinz Steinmetz&Jürgen Wellenkamp: Nepal. Ein Sommer am Rande der Welt) ist im antiquarischen Buchhandel erhältlich.

 

Im Reichenhaller Friedhof St. Zeno erinnert ein Gedenkstein an Jürgen Wellenkamp. Der (liegende) Stein befindet sich ganz hinten auf der Kirchholzseite in der Wiese gegenüber den Gedenksteinen für die Heimatvertriebenen (Grabgruppe 41).


 


Bild 

Gedenkstein für Jürgen Wellenkamp  (1930-1956) am Reichenhaller Friedhof, restauriert 2006.


Hochsäul Südwand im Hagengebirge. 

Eine Erstbegehung von Jürgen Wellenkamp 1951 (mit Erhard Sommer).

Die Schwierigkeiten liegen zwischen IV und V. Eine Seillänge geht es aber mit Hakenhilfe (A1) über 

eine glatte und senkrechte Platte. Dort wartet auch ein Seilquergang auf die seltenen Besucher.  


Ein langer Zustieg ist fällig zur Wand über dem Laubseelein im Hagengebirge. Deshalb hatte ich nur ein Seil mitgenommen, damals, im Herbst 1988, die Reichenhaller Bergsteigerin Gabi Riegel war dabei. 

In der besagten Platte klettert man an Haken schräg links hinauf, bis die Platte ganz glatt wird und kein Haken mehr unterzubringen ist. Was tun? Da hilft nur ein Seilquergang. Vom letzten (obersten) Haken muss man ein paar Meter schräg abwärts zum nächsten Haken, wo es weitergeht. Für den ersten (ich) kein Problem. Der kann vom Sichernden abgelassen werden. Für den zweiten (Gabi) ist die Sache problematischer. Der muss sich über eine Seilschlinge selber ablassen und das Seil am unteren Haken wieder einziehen. Ein Manöver bei dem ziemlich viel Schlappseil entsteht und man nichts falsch machen darf. Gabi wunderte sich jedenfalls als ich sie beim Losklettern beiläufig fragte ob sie schon mal einen Seilquergang gemacht hätte. "Nein, warum?" Wenig später war´s ihr klar. Wie dem auch sei: Am letzten Haken erklärte ich ihr, was zu tun sei und professionell brachte sie die Stelle hinter sich. Bis zum Gipfel dann schöne Kletterei im besten Fels, keine weiteren Vorkommnisse. Nur beim Runterfahren mit dem Radl von der Gotzen hatte Gabi leider einen Platten. 


Bilder  

(von einer Begehung in den 1950er Jahren) 

1      Hochsäul Südwand 

2-5  Die Platte mit dem Seilquergang. 

6      Danach wird´s wieder leichter, bester Fels. 

7      Der Berchtesgadener Kletterer Erwin Stocker am Gipfel 

8      Albert Hirschbichler ( ϯ 1959 im Karakorum) 

9      Hochsäul Südwand vom Luchspfad