Homepage von Albert Hirschbichler

Geschichten und Bilder

Erika aus Heidelberg

 

Hotel RosMaris auf Rab, Anfang Oktober 2006. Ein kleiner Erholungsurlaub solo. Allein sitz ich am Tisch beim Abendessen. Gegenüber, in der Nähe der Theke, sitzt eine: jung, negroider Typ, Dreadlocks, Top bauchfrei, tadellose Figur, Taille-Hüft-Verhältnis ohne Beanstandungen. Eine Frau wie sie Männern wie mir höchstens aus Bademodekatalogen entgegenlächelt.

 

Was macht die da? Meine Beobachtungen ergaben, dass sie kein Gast war, sondern irgendwie hier arbeitete, bloß was? Außer herumzusitzen tat sie eigentlich gar nichts. War sie bereits leitende Angestellte trotz ihrer jungen Jahre? Da zündet sie sich eine Zigarette an. „Tut mir leid Süße, da wird das heute nichts mit mir... Pech gehabt, Raucherinnen haben bei mir nämlich keine Chance“, denke ich mir, obwohl die Dreadlockige, wie ich sagen muss, bis dahin noch nicht einmal in meine Richtung geschaut hatte.

 

Aber da fällt mir was anderes ein – ein Jahr ist es nun her, damals war ich ebenfalls allein im Urlaub – das mit der Erika aus Heidelberg.

 

Frühjahr 2005. Ich war wieder einmal urlaubsreif. Da schien ein Aufenthalt auf der Insel Krk gerade recht. Allein fuhr ich los, warum nicht? Daheim bin ich auch die meiste Zeit allein, ohne dass mir das in irgendeiner Weise fad wäre. Die Anreise gehe ich gemütlich an, über den Tauernpass und die Flattnitz. Der erste Anblick des weiten Meeres eine Freude – immer wieder. Eine neue Brücke zur Insel haben sie auch gebaut. Erfreulich. Die Fähre ist überflüssig. Die erste Nacht verbringe ich auf meiner Isomatte neben dem Auto im Schlafsack. Auf einem Campingplatz, wo überhaupt keine Gäste sind. Trotzdem kommt einer am Morgen vorbei und knöpft mir acht Euro ab. Ärgerlich, aber es gibt Schlimmeres.

 

Ich fahre über die Insel zum Hauptort, Baska, wo es recht nett ist, warm und noch nicht viel los auf der Touristenmeile. Als erstes kaufe ich zwei Sonnenbrillen – die zweite, weil mir kurz nachdem ich die eine gekauft hatte, eine andere noch besser gefiel – dann liege ich stundenlang auf der Hafenmauer in der Sonne. Freue mich, wie billig hier die Sonnenbrillen sind, die eine von Armani, die andere von Nike, jede nur 6 Euro. Als nächstes erkunde ich die Insel, ohne nennenswerte Ereignisse. In Baska gefällt es mir am besten. Tagsüber lese und schlafe ich in der Sonne, wenn ich nicht gerade Calamari Fritti esse. Zwei Nächte verbringe ich noch im Freien, auf einer Wiese, wo ein Pferd in der Nähe graste. Das Pferd verhielt sich ruhig. Wir hatten keine Probleme miteinander. Sonst weiß ich nichts mehr davon.

 

Nach einem weiteren Tag der Ruhe und Rekreation reichte es mir vom Biwakieren. Wo bleiben? Eine Unterkunft musste her! Da kam ich an einem Haus vorbei, das gar nicht einmal so übel aussah, und wo – landesunüblich – eine Leuchtschrift in Endlosschlange bereits über dem Gartentor „Camere“ anpries. Eine ältere Frau empfing mich, nicht unnett, aber – wie mir nicht entging – mit jener Zurückhaltung, die dem Argwohn entspringt, den Herdenmenschen angesichts Alleinreisender hegen. Da hilft nicht einmal ein Rollstuhl.

 

Ich frage nach einem Einzelzimmer. Sie bedauere es sehr, ein Zimmer könne sie mir schon anbieten, aber kein Einzelzimmer, sie habe nur eins, und das sei gebucht. Heute käme nämlich noch an – und ihre Augen beginnen zu glänzen – die Erika aus Heidelberg. Mit dem Flugzeug reise sie an, die Erika, wie immer, sie sei Stammgast hier, komme 2-3 mal im Jahr. Erika aus Heidelberg, das hatte was. Von einem Begleiter war nicht die Rede, auch nicht von Kindern, Hunden oder so. Erika, die Frau aus Heidelberg, kam immer allein. Wer mochte sie sein? Wie alt? Blond oder braun? Figur? Geschieden oder ledig? Welcher Zauber, welcher Duft, welches Geheimnis umgab die Erika aus Heidelberg? Man durfte gespannt sein.

 

Was ich am Abend machte, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich hielt ich mich noch auf der Touristenmeile auf, recht viel mehr war sowieso nicht anzufangen hier, zumindest allein.

Als ich heimkomme ist von einer Erika weit und breit nichts zu sehen.

 

Aber: am Morgen höre ich fremde Stimmen vom Frühstücksraum her. Sie ist also wirklich angekommen, die Erika aus Heidelberg. Nur eine Treppe liegt noch zwischen uns. Erika ich komme. Und da sitzt sie auch schon. Ungefähr fünfundsechzig Jahre alt, in der Physiognomie einer Kröte nicht unähnlich. Erikas Stimme – rau aber nicht unsympathisch – raumfüllend, besonders das Lachen. Sie raucht, schon vor dem Frühstück. Die Zigarette, die sie gerade in den Händen hält ist auch nicht die erste heute. Im Aschenbecher liegen schon ein paar Stummel. Und Freunde hat sie auch mitgebracht. Ein männliches Wesen um die Fünfzig, Kettenraucher, man kennt es an der Haut, im Gesicht, wie ein welkes Blatt sieht er aus, liest Autobild zum Frühstück. Der neue Porsche Turbo, meint er, wäre auch ein Auto. Überhaupt, unter 200 PS könne man nicht von einem Auto in dem Sinn sprechen. Erika meint, dass sie mit ihrem Golf Diesel durchaus zufrieden sei. Das Gespräch geht dann noch einige Zeit übers Fahren und so, wobei aber die Golf Diesel Fahrerin Erika und der Typ irgendwie aneinander vorbeireden. Einen Porsche Turbo hat er vielleicht schon verraucht, gefahren eher nicht.

 

Eine zweite Frau ist auch noch da. Anders als die Erika tritt sie nicht füllig, laut, rau – um nicht zu sagen derb – in Erscheinung. Nein, sie wirkt eher schmächtig, beinahe schwindsüchtig, genauer gesagt kachektisch, schon von der Stimme her, ein dünnes Stimmchen, aber sie redet eh nicht viel. Auch sie raucht eine nach der anderen. Im Nu füllt sich der kleine Frühstücksraum mit Qualm, unter dem typischen, auf COPD im fortgeschrittenen Stadium hinweisenden Gehüstel. Da ich in einer Lungenklinik arbeite, kenne ich das. Die Flimmerhärchen bei der Schmächtigen wie Dresden nach dem Bombenangriff, die Bronchialschleimhaut im Eimer, die mukoziliäre Clearence im Arsch (man verzeihe die Formulierung). In den Bronchien brodelt der Schleim, man hört es beim Reden, mehr noch beim Lachen, am meisten beim Husten.

 

Die Pensionswirtin verteilt Kaffee. Das Frühstück nicht üppig, Weißbrot, nicht von heute, Butter, Marmelade. Dreissig Euro für die Übernachtung und das Weißbrötchen nicht gerade billig. Aber der Frühstücksraum mit viel Glas ist hell und freundlich. Bloß der Qualm ist unerträglich und wird immer unerträglicher. Eine Zumutung. Die Möglichkeit, dass es Menschen gibt, denen frühstücken in so einem Mief unangenehm ist, können sich Erika und ihre Freunde anscheinend nicht einmal vorstellen. Die Pensionswirtin sagt auch nichts.

So schnell wie möglich verdrücke ich mein Weißbrötchen. Nur weg von hier!

 

Irgendwie kann ich es mir nicht verkneifen, die drei beim Hinausgehen zu fragen, ob sie sich bei dem offensichtlich verheerenden Zustand ihrer Bronchien beim Rauchen überhaupt nichts denken. Erika aus Heidelberg lacht rau und meint Geräuchertes hält länger. Der Typ sagt gar nichts, die Schwindsüchtige meint, sie sei in der Nacht unterm Fenster gelegen, da habe sie etwas Zugluft erwischt, und deswegen müsse sie heute ausnahmsweise etwas husten.

Ich sage nichts mehr und gehe.

 

Man müsste einmal untersuchen, ob die in unserem Kulturkreis mit dem verharmlosenden Wort „Raucher“ titulierten Nikotiniker nicht im Gehirn noch mehr als in der Lunge bulöse Emphyseme entwickeln, blasenartige Hohlräume, welche das Denken und Verhalten dieser bedauerlichen Zeitgenossen wenigstens ansatzweise zu erklären in der Lage sind.

 

So war das mit der Erika aus Heidelberg.

 

Vielleicht erscheint uns Menschen in ferner Zukunft einmal die Gewohnheit, nikotinhaltigen Rauch (mit siebzig Giften und Krebserregern) zu inhalieren, so unbegreiflich wie uns heute Sklavenhandel und Hexenverbrennungen unbegreiflich erscheinen.

 

                                                                                                                                                                  A.H. 10/2006

 

Anmerkung

Ich persönlich halte die weltweit verbreitete Gewohnheit, die Verbrennungsrückstände der getrockneter Tabakblätter einatmen zu wollen oder zu müssen, für etwas Verzichtbares und einer vernunftbegabten Menschheit unangemessen, habe aber überhaupt nichts gegen Raucher, solange sie nicht in geschlossenen Räumen rauchen, wo andere Menschen (z.B. ich) nicht mehr Ansprüche haben als einigermaßen saubere Luft.


Zu guter letzt noch zwei Zitate: 

"Das Rauchen im Dunkeln ist wirklich eine angenehme Beschäftigung, und wenn man sonst wohl ist, so denke ich, 

kommt es unmittelbar nach dem Küssen im Dunkeln."

                                                                                                                     Georg Christoph Lichtenberg (18. Jhd.) 


"...Da es aber so viele leere Gehirne gibt auf der Welt, wie könnten all die leeren Gehirne besser gefüllt werden als 

mit des Tabaks Rauch?

                                                                                                                             Zeitgenosse König Jakobs (16. Jhd.)

 

Wem gibt man recht? Kommt wohl drauf an ob man selber auf Nikotin ist oder nicht... 


Und noch ein allerletztes Zitat von Wolfgang Schivelbusch, dem ich, nach nun 30 Jahren Beschäftigung 

mit Rauchern, zeitlose Gültigkeit zuspreche: 

Nach Schivelbusch lässt sich an der Allgegenwart des Rauchens der Stand der Zivilisation ablesen: 

"Definiert man Rauchen als Ersatzhandlung, welche die zunehmende zivilisationsbedingte Nervosität des Menschen pharmakologisch und motorisch bindet, dann zeigt die Durchdringung unserer Kultur durch das Rauchen, wie tief sie vor dieser Nervosität durchsetzt ist".   (W. Schivelbusch. Die Geschichte der Genussmittel (1997), S. 141) 


Immerhin: seit etwa 20 Jahren werden die Raucher immer weniger. Sogar unter den Jugendlichen. Die Handys auf die heute viele ununterbrochen glotzen und die sie in den Händen halten auch wenn sie nicht telefonieren oder WhatsApp Nachrichten 

checken, scheinen in der Beziehung die Funktion der Glimmstängel zu übernehmen.