Homepage von Albert Hirschbichler

Geschichten und Bilder

Die Hautcreme

- Ein Märchen für Raucher - 

 

Ein Buschvolk in Afrika versteht es, aus den getrockneten Blättern einer giftigen Pflanze eine Hautcreme herzustellen. Die Creme ist zu nichts nutz, beim Erstkontakt brennt nur die Haut davon. Niemand braucht diese Creme. Dennoch ist ihr Gebrauch weit verbreitet.

Einziger Grund für die Verbreitung ist, dass diejenigen, die sie benutzen die anderen dazu bringen das auch zu tun. Diese Creme ist eine besondere Creme.

Beim Erstkontakt verspürt man, wie gesagt, nur ein Brennen auf der Haut, das sogar ziemlich unangenehm ist. Dennoch ist gerade bei den Buschmännern, die an der Grenze zum Erwachsenenalter stehen, diese Creme ungemein interessant. Die Verwendung gilt als „cool“. Außerdem glauben die kleinen Buschmänner, so zu sein wie die großen Buschmänner, wenn sie die Creme verwenden.

 

Wie dem auch sei: Die Creme ist wirklich etwas ganz besonderes.

Wer sie ein paar mal verwendet, wird an der Stelle, wo er sie aufträgt eine Rötung der Haut bemerken.

Wird die Creme noch öfter aufgetragen, wird aus der Rötung ein Hautausschlag.

Dieser Hautausschlag verursacht einen lästigen Juckreiz.

Wenn es soweit gekommen ist, hat das Auftragen der Creme zwei Auswirkungen: sie beseitigt kurzfristig den Juckreiz, gleichzeitig wird aber der Hautausschlag angefacht und damit der nächste Juckreiz vorprogrammiert.

Je öfter die Creme aufgetragen wird umso schneller entwickelt sich der nächste Juckreiz.

Blöde Sache.

Üblicherweise verschaffen sich die Buschleute mit dem Hautausschlag 15 bis 20 mal am Tag Linderung. Manche auch viel öfter. In Einzelfällen kommt es vor, dass die Creme pausenlos den ganzen Tag lang aufgetragen werden muss. Was nicht ganz einfach ist, weil so ein Buschmann ja schließlich auch noch etwas anderes zu tun hat.

 

Nicht selten gibt es wegen der Creme Zwist zwischen den Buschleuten.

Die Creme riecht nämlich ziemlich übel und man kann sich leicht vorstellen was aus der Luft in den engen Bambushütten wird, wenn sich mehrere Buschmänner dort aufhalten, die dauernd die Creme verwenden. Den anderen ist das jedenfalls ziemlich lästig, manchmal unerträglich.

 

Die Buschmänner mit dem Hautausschlag achten sehr darauf, dass sie immer ihre Creme dabei haben. Wenn sie auf der Jagd bemerken, dass sie sie vergessen haben, gehen sie oft weit zurück um die Creme zu holen. Auch achten sie sehr darauf, dass sie ständig genügend Creme in ihren Hütten vorrätig haben. Das schlimmste wäre, wenn ein Buschmann nicht sofort seine Creme griffbereit hätte, wenn der Ausschlag zu jucken beginnt.

Die vorübergehende Linderung des Hautausschlags durch das Auftragen der Creme wird von den Buschmännern als sehr angenehm um nicht zu sagen lustvoll erlebt. Viele tragen die Creme schon auf, bevor sie ein Frühstück zu sich nehmen.

 

Das Eincremen hat für die Buschleute mit dem Hautausschlag offenbar auch eine soziale Funktion. Gerne stehen zwei oder auch mehrere zusammen und unterhalten sich, während sie die Creme auftragen. Andere Buschmänner ohne Hautausschlag stellen sich selten dazu.

 

Am meisten tragen sie die Creme aber dann auf, wenn sie sonst nichts zu tun haben. Wenn sie also etwas Zeit übrig haben. Man könnte zu dem Eindruck gelangen dass manche Buschmänner sonst nicht viel mit sich und ihrer Zeit anzufangen wissen. Für die ist es wohl gut, wenn sie zur Überbrückung von leerer Zeit – nennen wir es so – die Creme benutzen können. So haben sie wenigstens immer etwas zu tun und brauchen sich sonst keine Gedanken zu machen.

 

Irgendwie kommen sie anscheinend auch auf die Idee, dass das Auftragen der Creme gegen Stress hilft. Was ja stimmen mag, wenn man bedenkt, dass die Buschmänner ohne Hautausschlag bei Stress nur ein Problem haben, nämlich den Stress. Die anderen, die mit dem Hautausschlag haben in Stresssituationen grundsätzlich noch ein anderes Problem, nämlich den Juckreiz.

Logischerweise kann die Creme nur dagegen helfen.

Aber das ist nicht ganz einfach zu durchschauen. Man muss sich erst trauen, darüber nachzudenken.

 

Nun ist es so, dass viele der Buschmänner gerade wenn sie älter werden die Creme gern wieder loshaben würden. Allerdings denken sie, dass das praktisch unmöglich ist. Wie sollte man einen lebenslang juckenden Hautauschlag ohne Creme aushalten können? Davor haben sie große Angst. Außerdem glauben sie, auch wenn das komisch klingt und kaum zu verstehen ist, dass der Verlust der Erfahrung wenn das Jucken durch die Creme nachlässt, ihr Leben ärmer macht und sie dann einen wesentlichen Genuss verlieren. Ganz zu schweigen von dem Problem, was sie machen sollen, wenn sie einmal nichts zu tun haben.

 

Oft wollen sie die Creme über viele Jahre loshaben und auch wieder nicht. Mit Worten ist das nicht einfach zu erklären.

Vielleicht denken sie manchmal darüber nach, wie viel Creme sie bisher schon verwendeten, es sind viele Kübel voll, und was das wirklich gebracht hat. Oder sie sehen, dass die anderen, die ohne Creme leben, auch nicht schlechter leben, wahrscheinlich sogar besser. Mag sein, dass es ihnen auch irgendwie dämmert, dass das Problem des juckenden Hautausschlags etwas mit dem Gebrauch der Creme zu tun hat.

 

In der Heimat der Buschleute regnet es selten. Kürzlich war es aber wieder einmal soweit. Dumpfe Wolken hatten sich über den Urwald gelegt, aus denen sich der Regen ergoss. Unter einem Baum, der einen gewissen Regenschutz bot – zwar tröpfelte es durch das Blätterdach, aber immerhin – standen fünf Buschmänner. Ihre Frauen hatten ihnen unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass der Vollzug der Ehe für drei, wenn nicht vier Wochen ausgesetzt würde, wenn sie nicht endlich mit ihrer stinkenden Creme die Hütte verlassen würden.

Nass werden ist für einen Buschmann so ziemlich das unangenehmste was man sich vorstellen kann, außer das was ihnen von ihren Frauen angedroht wurde. Sie wussten dass in dieser Hinsicht mit ihren Frauen nicht zu spaßen war.

 

Der Regen wurde stärker, das Blätterdach zunehmend undicht, die Buschmänner immer nässer. Sie froren. Lange schwiegen sie beim Auftragen der Creme, bis schließlich der Älteste das Wort ergriff: „Eigentlich wäre es vielleicht doch gescheiter, wenn wir diese verfluchte Creme nicht andauernd benützen müssten, besonders bei so einem Wetter. Keinen Hund treibt man vor die Hütte aber wir stehen hier herum, weil wir die Creme benötigen...“

„Tja, da magst du schon rechthaben“ sprach ein anderer, „aber was kann man schon tun?...

hat irgendjemand eine Vorstellung, wie man den Ausschlag loswerden könnte?... ich nicht...“

„Ich auch nicht...“ sagte der Dritte,

„keine Ahnung...“ der Vierte“, 

„keine Vorstellung...“ der Fünfte.

Lange schwiegen sie wieder.

Schließlich wieder der Älteste: „Habt ihr von dem alten Medizinmann gehört, der drei Tagesmärsche entfernt wohnt in der Richtung der untergehenden Sonne? Der Mann hat wundersame Kräfte. Man sagt, dass der Blinde sehend und Lahme gehend macht... Vielleicht kann der uns helfen...“

 

So kam es, dass sich die fünf Buschmänner am nächsten Tag aufmachten. In ihren ledernen Umhängetaschen führten sie getrocknete Früchte mit und Hühnerkeulen, die bereits etwas ranzig rochen. Die Buschmänner rochen selber ranzig und so bemerkten sie das nicht. In Schweinedärme hatten sie Wasser für drei Tage gefüllt. Selbstverständlich hatten sie auch einen ausreichenden Vorrat an Creme eingepackt.

 

Drei Tage und zwei Nächte marschierten sie beinahe ununterbrochen.

Einmal stellten sie fest, dass der letzte in der Marschkolonne nicht mehr da war. Als sie zurück gingen um nachzusehen, kamen sie zu einer Riesenschlange, die gerade dabei war, ihren Kameraden zu verschlucken. Nur noch die Beine schauten heraus. Sie wussten was zu tun war. Zwei packten die Schlange am Schwanz, die anderen zogen den Kameraden an den Füßen heraus. Als das geschafft war, hackten sie der Schlange den Kopf ab und machten eine kleine Pause, um Creme aufzutragen. Dann gingen sie gleich weiter. Anders als für Neckermann-Touristen war das Erlebnis für Buschmänner nicht einmal besonders aufregend. 

 

Am Nachmittag des dritten Tages trafen sie zum erstenmal auf andere Buschmänner.

Sie fragten nach dem alten Medizinmann und hatten Glück. Nur noch eine halbe Stunde mussten sie gehen, dann standen sie schon vor seiner aus Schilfrohr gefertigten Hütte.

 

„Weiser alter Mann“ sprach der Älteste und verbeugte sich ehrfurchtsvoll, „wir kommen von weither, um von Dir die Lösung eines Problems zu erfahren, das all unsere Vorstellungskraft übersteigt... Sieh diesen Hautauschlag, dessen Jucken allein durch diese Hautcreme vorübergehend gelindert werden kann... Alle, die wir vor dir stehen, haben wir das dauernde Auftragen der Creme satt, aber der Ausschlag... was sollen wir bloß machen?

Bitte, oh weiser Medizinmann, beschwöre die Götter, bereite uns einen Zaubertrank, arbeite mit Hypnose, setz Blutegel an, trag Krötenschleim auf, brenn uns, stech uns, schröpf uns,

wir wollen alles dulden, auf dass das Jucken von uns abfalle.

 

Ihr Witzbolde, sprach der alte Weise, erkennt ihr nicht, dass der Ausschlag und das Jucken allein von der Hautcreme kommen. Das einzige was ihr tun müsst ist, dass ihr das Jucken ein paar Tage lang aushaltet. Der Ausschlag geht von selbst zurück, wenn ihr die Creme nicht auftragt und damit verschwindet auch das Jucken. Das Jucken bedeutet ja nichts anderes als dass der Ausschlag zu heilen beginnt. So einfach ist das.

 

„Und das ist alles?“ fragte ungläubig der Älteste. „Einfach nicht die Creme auftragen und das Problem löst sich in wenigen Tagen von selbst?“ ... „So ist es... und nun wünsche ich Euch eine gute Heimreise...“ sprach der alte Weise. „Halt, eins muss ich euch nach sagen: bringt nie mehr eure Haut mit der Creme in Berührung. Der Ausschlag würde in kürzester Zeit neu entfacht und ihr habt das gleiche Problem wieder... Vergesst das nie!“ Und dass die giftige Creme bei Stress hilft oder zu sonst was gut ist, das war nur in eurem Kopf!“

 

Damit entließ er sie.

Verdattert standen sie vor der Hütte des alten Weisen. „So einfach ist das“ sagte einer, „da hätten wir auch selber drauf kommen können“... „Sind wir aber nicht“, sprach der Älteste. „Oder habt ihr schon vergessen, wie jeder sich sein Leben ohne die Creme überhaupt nicht mehr vorstellen konnte.“ Mit diesen Worten warf er seinen Cremevorrat in den Urwald.

Die anderen taten es ihm nach, und nachdem sie ihre letzte Hühnerkeule verspeist hatten machten sie sich auf den Heimweg.