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Geschichten und Bilder

Anmerkung

Eine schwere Geburt. Nach langen Recherchen und mehreren Anläufen wurde die Sache doch noch fertig.  

Der Beitrag erschien im Herbst 2017 in etwas verkürzter Form in den Heimatblättern des Reichenhaller Tagblattes 

(85. Jahrgang Nr. 6, Montag 4.9.2017). 


Bergbau am Staufen

Ein wenig bekanntes Kapitel in der Geschichte des Reichenhaller Hausberges

Von Albert Hirschbichler

 

Der Staufen über Bad Reichenhall. 1771 Meter hoch. Hausberg unserer Stadt. Vereinzelt finden sich spärliche Informationen über Bergbau dort oben, lange bevor irgendjemand nur so – aus Spass – auf Berge stieg. So findet sich z.B. im Internetlexikon Wikipedia der Verweis, dass am Staufen bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts Bergbau auf Blei und Zink betrieben wurde. Als bekanntester Stollen wird der Doktor-Oswald-Stollen genannt, der sich nur 60 Meter unter dem Gipfel befand. Recht viel mehr weiß kaum jemand darüber. Für mich Anlass, der Sache einmal nachzugehen.

 

Mein Erstkontakt mit dem Bergbau am Staufen liegt fast 50 Jahre zurück. Der Besuch eines Stollens am Fuderheubergs, den wir „Fledermaushöhle“ nannten, zählte damals zu unseren großen Abenteuern. Wie wir Knaben von dem Stolleneingang 200 Meter über dem Campingplatz Staufenbruck erfahren hatten weiss ich nicht mehr. Jedenfalls machten wir uns immer wieder dorthin auf. Mit den Fahrrädern zum Campingplatz, von dort über Geröll und Stauden hoch zu einem Steilabbruch, der mit Hilfe von Haselnussstauden überwunden wurde. Danach über eine Rinne und wegloses Gelände zum Stollen, der nur wenige Meter in den Berg hinein führte. Offenbar war man nur auf taubes Gestein gestoßen und hatte die Sache bald wieder aufgegeben. Eine Fledermaus fanden wir nie dort, obwohl wir mit den mitgebrachten Taschenlampen stets alles ausleuchteten. Egal. Die Höhle hieß so und ihre Erforschung war immer wieder spannend. Einmal nahmen wir einen Nachbarn mit, der irgendwie von unseren Exkursionen erfahren hatte und sich für die Höhle interessierte. Im Geröll ging der noch ganz ordentlich, aber am Steilabbruch mit den Haselnussstauden war es aus. Ob wir verrückt seien, lebensmüde, wir dürften da nie mehr hin, höre ich ihn heute noch schimpfen. Ab da nahmen wir jedenfalls keine Erwachsenen mehr mit zur Fledermaushöhle.

 

Anfänge des Bergbaus im 16. Jahrhundert

 

Über die Zeit und die näheren Umstände der ersten Entdeckung von Erzvorkommen am Staufen ist nichts bekannt. Das erste Dokument stammt vom 12. August 1585. Damals erhielten der damalige Kastner zu Reichenhall (Inhaber des Kastenamtes; Kasten = Speicher, wo die Naturalabgaben der Untertanen zusammenflossen) und ein gewisser Adam Reutter aus Inzell vom Bayernherzog Wilhelm V. die Genehmigung, sechs Gruben am Staufen betreiben zu dürfen. In der Folge kam es vermutlich nur zu oberflächlichen Schürfungen. Warum das Unternehmen ins Stocken geriet und bald wieder aufgegeben wurde, darüber ist nichts bekannt.

 

Überliefert wiederum ist, dass die Aussicht auf Bleierze schon ein Jahr später, 1586, die Begehrlichkeit des Salzburger Erzbischofs weckte, der eigene Knappen vor Ort schickte, die jedoch auf Befehl vom 13.09.1586 sogleich wieder vertrieben wurden. Über einen Einspruch des Hochstifts ist nichts bekannt, weitere Bemühungen um Einflussnahme unterblieben.

 

Einige Jahrzehnte später, 1636, wurde der Bitte des kurfürstlichen Stuckhauptmanns (= Befehlshaber der Artillerie) Christian Schwarzer positiver Bescheid gegeben, sechs Jahre lang Bergwerkstätigkeit in Traunstein, Reichenhall und Marquartstein betreiben zu dürfen. Die Genehmigung beschränkte sich auf den Abbau von Galmei (Zinkerz), dessen Wert erkannt wurde, nachdem es zuvor auf Halde entsorgt wurde. Sollten andere Erze gefunden werden, bestand die Verpflichtung einer sofortigen Meldung an die Hofkammer, die den weiteren Abbau mit eigenen Knappen übernommen hätte. Galmei durfte Schwarzer selber verarbeiten, vertraglich wurde ein Monopol für sechs Jahre „zum Messingbrennen, Drahtziehen und Messingklopfen“ festgelegt. Offenbar bestanden weitreichende Pläne, ob und wie etwas realisiert wurde, darüber gibt es keine Angaben. 1618 bis 1648 herrschte mit dem 30jährigen Krieg einer der längsten und blutigsten Kriege auf deutschem Boden, der die Bevölkerungszahl in Deutschland um ein Drittel reduzierte und in manchen Regionen zu einem gänzlichen Aussterben der bäuerlichen Bevölkerung und Verödung der Landschaft führte.

 

1650: Bergbau des Dr. Oswald

 

1650 taucht ein Name auf, der mit dem Bergbau am Staufen bis heute in Verbindung gebracht wird: Dr. Oswald. In einem Bericht aus dem Jahr wird vermerkt, dass derselbige 1000 Zentner Erz auf der Platten (heute Hochplatte) bei Marquartstein abgebaut und beim Müller von Lanzing gelagert habe. Weitere 400 Zentner befänden sich in Grubennähe in einer offenen Hütte. Spätere Berichte erwähnen eine Bergbautätigkeit Oswalds am Staufen wie auch am Rauschberg. Laut eines Grubenplanes wurde am Staufen in der Nordseite nur 60 Meter unter dem Gipfel der Oswaldstollen betrieben. Über die Gruben am Rauschberg fehlen Dokumente, bekannt wiederum ist, dass Oswald „in der Intzel“ eine Schmelzhütte besaß, von der 1668 allerdings nur noch die Grundmauern standen.

 

Der Oswaldstollen wurde bald wieder aufgelassen, als Grund vermutet Reiser (1894, 10) dass der Genannte „mit Tod abgegangen sei“. Diese Annahme wird durch eine neu aufgefundene Archivalie wiederlegt (Priesner 1997, 35). Demnach sah sich Oswald nach Misshelligkeiten mit dem Reichenhaller Salzmaier gezwungen, sich nach Innsbruck abzusetzen. Ihm wurde vorgeworfen, für den Bergbau vorgesehen Gelder zweckentfremdet zu haben. Das Geld sei zur Bebauung der Bergwerke in Marquartstein und „in der Intzel“ gedacht gewesen. Wofür Oswald es verwendet hatte, ist aus der Akte nicht ersichtlich. In einer Bittschrift an den Kurfürsten Ferdinand Maria von Bayern („der Friedliebende“) persönlich führt jener aus, dass er 6000 Gulden eigenes Vermögen investiert habe, Zuschüsse, mit denen er gerechnet habe, ihm nicht gewährt worden seien und er nun, nach Pfändung seiner Habseligkeiten, keine andere Wahl habe als die Flucht. Das erklärt den Abbruch der Oswaldschen Bergbautätigkeit, obwohl man bei Wiederaufnahme auf reichhaltige Erzvorkommen stieß.

 

Wiederaufnahme 1665 unter kurfürstlicher Leitung

 

1665 wurde der Bergbau am Staufen unter der Regie des Kurfürsten selbst wieder

aufgenommen, der hierin ein willkommenes Mittel zur Aufbesserung der Staatsfinanzen sah. Es war der Beginn einer 150jährigen Bergbautätigkeit, bei der gute Jahre immer wieder mit Phasen der Unrentabilität wechselten. Für die Wiederaufnahme bedeutsam waren vermutlich die von einem Doktor der Medizin mit Namen Dr. Becher unter Einbeziehung eines Freiherrn von Schellenberg durchgeführten Proben von Staufenerz, die denkbar günstige Ergebnisse lieferten. Der Zentner Bleierz enthalte demnach 70 Pfund gutes Blei, das dazu auch noch sehr silber- und goldreich sei. Dem Kurfürsten wurden mit Bericht vom 13.05.1665 die Ergebnisse vermeldet, mit dem Schluss, dass man von einem unendlichen Schatz in diesem Berg ausgehen müsse. Als dem Erstgenannte dann doch Zweifel an den hervorragenden Ergebnissen kamen, führte er eine zweite Untersuchung ohne Beiziehung des von Schellenberg durch, die zu wesentlich schlechteren Resultaten kam. In einem Brief an den Kurfürsten entschuldigte er sich und äußerte die Vermutung dass von Schellenberg die Proben gefälscht habe um sich eine Anstellung zu erschleichen. Wie dem auch sei: Am 04.08.1665 erging Befehl an den kurfürstlichen Zollner Paris Zehentner (Zollner = Eintreiber von Obrigkeitsabgaben), am am Staufen wie auch in der Platten den Bergbau mit 8-9 Mann wieder zu eröffnen. Die Bereitstellung der nötigen Gelder oblag dem Salzmaieramt Traunstein.

 

Am Staufen gaben die Oswaldschen Stollen die Richtung vor. Ein Problem des Projekts von Anfang an bestand darin, dass kein fachmännisches Personal aufzutreiben war, was für die Knappen ebenso galt wie für die Führung. Der als Leiter eingesetzte Bergprobierer Jungholzer (Bergprobierer = Beamter welcher den Gehalt der Erze bestimmt und den Käufern gegenüber kontrolliert) besaß in Bergwerksangelegenheiten ebenso wenig Erfahrung wie der zum Verweser (= Verwalter) ernannte Zehentner. Nicht einmal bei der obersten Leitung in München stand ein kundiger Mann stand zur Verfügung. So ging jahrelang nichts rechtes voran und es verblieb bei einem „unsichern wankelmütigen Herumtappen“ (Reiser 1894, 13).

 

Man suchte auswärts nach einem Spezialisten und fand ihn in Gestalt des aus Schwaz (Tirol) stammenden Abraham Prugger, der 1668 zum Bergamtsdirektor verpflichtet wurde und dieses Amt bis zu seinem Tod 1671 innehatte. Auch diese Wahl war keine glückliche. Der betagte Mann nahm es mit seinen Pflichten nicht so genau, seine Entscheidungen waren zweifelhaft, auch hintertrieb er die Errichtung eines geplanten Messingwerks, um den Tiroler Werken, mit denen er verwandtschaftlich verbandelt war, nicht zu schaden. Sein hohes Salär von 300 Gulden jährlich belastete die Bergwerkskasse erheblich. Nützlich war zumindest, dass Prugger erfahrene Bergleute aus Tirol beibrachte, von denen die einheimischen Arbeiter im Häuen, Bohren und Sprengen etc. erst angelernt wurden.

 

Der Bergbau in Tirol hat eine lange Tradition. An vielen Orten wurde schon in der Bronzezeit Kupfer abgebaut. Das Silberbergwerk von Schwaz war im Spätmittelalter das größte und ertragreichste der Welt, in der Mitte des 16. Jahrhunderts waren über 7000 Knappen in den Stollen beschäftigt, im besten Jahr 1523 wurden 15 675 kg Silber gefördert. Das wird wohl wenigen bewusst sein, die auf der Inntalautobahn in Richtung Süden fahren.

 

„Nonner Stollen“ auf der Staufen Südseite

 

Gleichzeitig mit der Belegung des alten Oswaldstollens wurde auf der Staufen-Südseite ein Stollen angelegt („Nonner Stollen“). Anders als in der Nordflanke war hier das Gelände gut zugänglich und die Versorgung mit Wasser und Holz weniger problematisch. Der etwa 60 Meter weit eingetriebene Stollen erschloss allerdings nur „Bleispuren, kieshaltige Quarze und eine Strecke weit „schönen roten Moder“ sodann „grünen und schwarzen Schiefer“ (Reiser 1894, 14). Die Hoffnung auf Silber- und Kupfererze erfüllte sich nicht und der Stollen wurde 1669 wieder aufgegeben.

 

Anders lief es im Oswaldstollen. Dem wurden in einem Gutachten von 1665 zwar reiche Bleivorkommen bescheinigt, aber durch die Lage in „ganz glattem und weglosem Gebirge“ ohne Wasser und Holz würden die Kosten den Nutzen überwiegen. Der Stollen sei deshalb am besten „Freigrüblern“ zu überlassen, denen das Erz dann abgelöst werden sollte. Diesem Gutachten entsprechend wurde der Stollen 1666 drei Häuern, die Prugger in Schwaz rekrutiert hatte, zugewiesen. Im ersten und folgenden Jahr war die Ausbeute so spärlich, „dass sich die Häuer nur kümmerlich halten konnten“ (Reiser 15). Umso reicher wurde der Bergsegen dann aber in den drei folgenden Jahren 1668-70. Bereits 1668 war die Ausbeute an Bleierzen so ergiebig, dass 12 Häuer gut zu tun hatten. Dazu kam noch, dass der oft mit den Bleierzen einbrechende Galmei, der zuvor unerkannt auf Halde gestürzt wurde, nun ebenfalls Beachtung fand. Auch das ein Hinweis, wie dürftig die Kenntnisse der Bergwerksleitung gewesen sein mussten und wie früheres Wissen über die Galmeigewinnung in Vergessenheit geraten war. Erst durch einen zufällig aus Tirol eingereisten Galmeibrenner und Messing-Drahtmeister mit Namen Langburger wurden die Bergleute auf ihn aufmerksam gemacht und im Erkennen und Aufbereiten unterrichtet.

 

Da die Galmeianbrüche sehr groß waren und zusätzlich die Halden „überkuttet“ (= noch einmal auf Erze durchgesehen) wurden, lag bald so viel Erz vor, dass man nicht mehr wusste wohin damit. Gelagert wurde es im Zollgebäude von Reichenhall und als da kein Platz mehr war, in Bauernhäusern und Stadeln in Nonn. Folge der günstigen Entwicklung war, dass mit Verordnung vom 27.09.1668 die Bergwerkstätigkeit im Oswaldstollen wieder der Hofkammer unterstellt wurde. Dieses Vorgehen war die Regel für den Bergbau am Staufen. Zur Vermeidung finanzieller Risiken wurde das Bergwerk in unsicheren Zeiten Freiberuflern überlassen, denen das Erz abgekauft wurde. Bei guter Ausbeute übernahm die Hofkammer die Geschäfte. 1669 waren im Oswaldstollen 36 Mann beschäftigt, neben 17 Häuern noch Träger, Haldenkutter und „Herrenarbeiter“ (= Hilfsarbeiter).

 

Knappenstube von 1669

 

Um den Knappen ein „besseres Unterkommen“ zu verschaffen und um in der Nähe des Stollens einen geschützten Raum für die erste Aufbereitung der Erze zu gewinnen, wurde vom Bergwerksverwalter am 7.6.1668 der Antrag auf Bau einer Scheid- und Knappenstube eingereicht. Obwohl nichts beanstandet wurde, dauerte der Bescheid aus München über ein Jahr. Mit Folge, dass die beste Zeit für Baumaßnahmen im späten Frühjahr, wo Schneewasser zur Verfügung gestanden wäre, verstrichen war und nun das Wasser zum Ablöschen des Kalkes mühsam hinauf geschleppt werden musste. Mitte Juni 1669 begannen die Baumaßnahmen der nach Antrag 60 Fuß langen, 30 Fuß breiten und 7 Fuß hohen Unterkunft. (1 Fuß = ca. 30 cm, der Bau hatte demnach die stattliche Größe von ca. 18 Meter Länge, 9 Meter Breite und gut 2 Meter Höhe). Zum Standort liegen keine Informationen vor. Unter Berücksichtigung der Geländegegebenheiten ist eine Lage in der Nähe des heutigen Normalweges über die Bartlmahd in Gratnähe auf etwa 1650 Meter Höhe anzunehmen. Bemerkenswert ist, dass es bis dahin für die Knappen in Stollennähe keine Unterkunft gab und zu der Plackerei im Stollen noch der morgendliche Aufstieg und abendliche Abstieg dazu kamen. Wahrscheinlich ist, dass es Unterkünfte unterhalb des Staufenkares („Arzkasten“) oder bei der Steineralm gab. Anders ist die Tätigkeit kaum denkbar. Die Gehzeit vom Parkplatz in Urwies zur Steineralm in 1027 Meter Höhe wird in heutigen Beschreibungen mit 1¾ Stunden angegeben.

 

Die abgebauten Erze: Blei und Galmei

 

Blei (Pb, lat. plumbum). Das in der Natur meistens als Bleisulfid (PbS) auftretende giftige Schwermetall war bereits 3-4000 vor Christus bekannt. Blei hat einen niederen Schmelzpunkt und ist gut zu Blechen walzbar und zu Drähten formbar. Bereits die Römer verwendeten es als Material für Gefäße und Kriegswaffen, für Bleiverglasungen sowie für Wasserleitungen, wobei die gesundheitlichen Risiken damals schon bekannt waren. Die Gewinnung war früher ein diffiziler Prozess in zwei Arbeitsschritten. Im ersten Schritt wurde Bleisulfid an der Luft erhitzt („geröstet“), wodurch man Bleioxid erhält. Wenn das Bleioxid (PbO) dann mit Koks (Kohlenstoff) erhitzt wird, reagiert der Kohlenstoff mit dem im Bleioxid enthaltenen Sauerstoff und Blei (Pb) bleibt übrig („Reduktion“). Das ganze funktioniert nur bei genau kontrollierten und dosierten Temperatur- und Luftzufuhrverhältnissen. Im 16. und 17. Jahrhundert, der Zeit des Bergbaus am Staufen, benötigte man Blei als Dichtungs- und Verbindungsmasse für Verglasungen (Kirchen), für Rohre (Soleleitung), wie auch für Kriegsmaterial (Munition) im 30jährigen Krieg. Heute werden große Mengen für Autobatterien („Bleiakkumulatoren“) benötigt. Wie später auszuführen sein wird, bereitete die Gewinnung von Blei aus dem Rohstoff (Erz) in Reichenhall anfänglich große Probleme.

 

Galmei

Galmei (Zinkerz) kommt aus dem Italienischen und setzt sich zusammen aus „giallo“ gelb und „mina“ Gestein. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war Galmei unverzichtbar als einzig möglicher Grundstoff zur Herstellung von Messing. Das damals übliche Verfahren war die „Zementation“, wobei zerkleinerter („gemahlener“ ) Galmei zu passenden Teilen mit Holzkohle und Kupfer (in Körnern oder kleinen Stücken) vermischt, in geeigneten Öfen erhitzt wurde. Etwa 4000 Jahre ist es her, dass erstmals Zink und Kupfer zu einer Messinglegierung verschmolzen wurden. Man erkannte aber lange nicht, dass es sich bei Galmei um einen Zinkträger handelt, sondern hielt ihn für eine Art Farbstoff, der das rote Kupfer goldgelb färbt. Die Messingherstellung erfordert große Erfahrung und gelingt nur bei genau passenden Mischungs- und Temperaturverhältnissen. Daran scheiterten alle Versuche, in Bayern ein Messingwerk einzurichten um den Galmei im eigenen Lande verarbeiten zu können. Das erste und damals einzige Messingwerk in Bayern wurde erst 1717 in Rosenheim eröffnet (Priesner 1997). Aus Messing wurden Bleche, Draht, Nadeln, Gefäße, Vasen, Becher und viele andere Gebrauchgegenstände gefertigt.

 

Bei Galmei handelt es sich geochemisch betrachtet um ein Verwitterungsprodukt, das nur dort entstehen kann, wo sich Zinkerze unter dem Einfluss atmosphärischer Bedingungen wie Luft, Wasser und Temperatur oberflächennah zersetzen. Meist tritt Galmei in fester, stückig-kompakter Form auf (Felsgalmei), kann jedoch auch, abhängig vom Verwitterungsgrad, als erdige Masse (Mulm) auftreten (Erdgalmei). Letzterer ist weniger rein, ließ sich aber ohne vorhergehenden Malvorgang zum Messingbrennen verwenden.

 

Galmei, der oft zusammen mit Bleierzen auftritt, lagert in geringen Tiefen und lässt sich deshalb leicht abbauen. Wegen der genannten Voraussetzungen für die Entstehung treten Vorkommen häufig an Verwerfungen auf, dort wo der Gebirgskörper durch Störungen gelockert ist. Am Staufen wie am benachbarten Rauschberg finden sich derartige von weitem sichtbare Verwerfungen infolge der Gebirgshebung gerade in den steil abfallenden Nordflanken. Das häufige Auftreten von Erzen in diesen Verwerfungen war den Alten offenbar bekannt. Die Gruben befanden sich ausschließlich auf den Nordabhängen der Berge.

Typisch für Galmei sind örtlich begrenzte Vorkommen, die bald abgebaut sind. Das erklärt, warum am Staufen wie auch am Rauschberg sich immer wieder ertragreiche Zeiten mit Zeiten dürftiger Ausbeute abwechselten.

 

Probleme des Bergbaus am Staufen

 

Nach Reiser (1894) erschwerten den Bergbau am Staufen außer den Geländegegebenheiten der Nordflanke mehrere andere Gründe. Wie bereits erwähnt, standen zunächst keine im Bergbau erfahrenen Fachleute zur Verfügung. Mit der Folge, dass man auftretenden Erzvorkommen einfach nachgrub und diese abbaute, ohne an einen weiteren Betrieb zu denken. Die Stollen gingen planlos bald bergauf, bald bergab, wie die Erze eben momentan anfielen. Die anstehenden Erze wurden möglichst rasch und rücksichtslos ausgebeutet ohne weitere Versuchsbauten anzulegen. So kam man kurzfristig zu guten Erträgen, für die Nachhaltigkeit wurde nichts getan.

 

Der bereits oben in leitender Funktion genannte Jungholzer wurde nach Zerwürfnissen schon 1667 wieder entlassen. Die verbleibenden Führungspersönlichkeiten Zehentner und Prugger mussten für alle Maßnahmen im Bergwerk, egal wie dringlich, erst die Genehmigung der Hofkammer in München einholen, ein umständliches und zeitraubendes Verfahren.

 

Ein weiteres Problem bestand darin, dass die Gelder für die Entlohung der Knappen, die auf Anweisung aus München durch das Salzmaieramt Traunstein ausbezahlt wurden, nicht zureichend oder rechtzeitig einliefen, sodass die Arbeiter oft monatelang auf ihr Geld warten mussten. Lebensmittel und andere Dinge mussten „auf Pump“ gekauft werden und verteuerten sich so zusätzlich. Ein untragbarer Zustand, der den Beamten in ihren Amtsstuben in München offenbar nicht sehr nahe ging.

 

Zur Vermeidung pekuniärer Risiken wurde kein Schichtbetrieb eingeführt, sondern den Knappen das Erz jeweils abgekauft und zwar nach dessen Bleigehalt, der erst festgestellt werden musste. Die Proben wurden an verschiedenen Orten vorgenommen, in Salzburg, München oder Brixlegg, mit jeweils unterschiedlichen Ergebnissen. Ein für alle Beteiligten unbefriedigender Zustand. Pro Pfund Blei erhielten die Häuer in der ersten Zeit 2 Kreuzer. Für den Zentner Galmei wurden 20 Kreuzer bezahlt. Damit war die Entlohung mehr als dürftig. Bei Minderung der Erzanbrüche, die ja sehr rasch wechselten, konnten die Arbeiter so nicht bestehen und das Gehalt wurde auf 2½ Kreuzer für ein Pfund Blei aufgebessert. Davon mussten die Knappen allerdings noch Gezähe und Geleucht bestreiten. Viele Knappen kamen auch noch aus Tirol, wo ihre Familien lebten und waren so zu doppelter Haushaltsführung gezwungen.

 

Arbeitsbedingungen der Knappen

 

Zur Dauer der täglichen Arbeitszeit gibt es keine Angaben, diese dürfte nach Reiser (20) jedoch nicht unter 10 Stunden betragen haben und das vermutlich – wie damals üblich – an sechs Arbeitstagen in der Woche. Bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts wurden die Erze ausschließlich in Handarbeit gewonnen. Die wichtigsten Werkzeuge waren der Schlägel (Schlaghammer mit hölzernem Stiel) und das Bergeisen (eine Art Meißel mit Spitze und Schlagfläche). Später kam zunehmend das „Schießen“ auf, d.h. es wurden Sprengungen mit Schwarzpulver durchgeführt und so das Gesteins gelöst bzw. die Stollen vorangetrieben.

 

Als Leuchtmittel kamen mit Talg oder Rüböl befeuerte Froschlampen aus Ton oder Messing zum Einsatz. Zu einem wirklichen Fortschritt in der Grubenbeleuchtung kam es erst im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung von mit Gas oder Kerosin betriebenen Lampen. Karbidlampen waren die letzte Stufe von Geleucht mit offener Flamme. Aber da waren die Zeiten des Bergbaus am Staufen lang vorbei.

 

Die Erze wurden in Säcken auf dem Rücken, später unter Einsatz von Trögen aus den Stollen befördert. Weiters wurden sie von Trägern zu einem auf der Südseite am „Dormath“ (heute Bartlmahd) aufgestellten Erzkasten getragen, von wo sie bei Schnee in Schweinshäuten ins Tal gezogen wurden. Der Transport war umständlich, beschwerlich und auch teuer. Zur Verringerung der Kosten wurden vom Verwalter mehrere Vorschläge vorgebracht (z.B. eine doppelte „Gestangfahrt“, mittels derer Karren auf Gleisen die Erze talwärts hätten befördern sollen), von denen aber keiner realisiert wurde.

 

Verhüttung der Erze

 

Da, wie gesagt, die einlagernden Erzvorräte in den günstigen Jahren 1668 bis 70 immer größer wurden, kam der Gedanke auf, die Grundlagen für eine weitere Verarbeitung zu schaffen und die Erze endlich einmal zu Geld zu machen. Als geeigneter Ort wurde die Nonner Au bestimmt, weil es dort Wasser gab und die Versorgung mit Holz und Kohlen gewährleistet war. Vom Sommer 1669 bis zum Jahresende erfolgten die Baumaßnahmen. Das etwa 20 Meter lange Werk beinhaltete einen Schmelzofen für Bleierze, einen Ofen zum Brennen von Galmei sowie Vorratskammern für die Erze. Angebaut war ein Pochwerk, zu dem ein Rinnwerk führte, das zwei Wasserräder trieb, wovon das eine vier Pochstempel und zwei Schmelzbälge in Bewegung setzte, während das andere einen Balg für die Schmiede und einen Hammer trieb.

 

Im Dezember 1669 führte man die ersten Schmelzversuche durch. Da der vom Direktor Prugger beauftragte Schmelzmeister mit Namen Thomas Ebner bei dem neuen Ofen nur zaghaft ans Werk ging und außerdem nicht wusste welchen Zuschlag die Erze erforderten, fielen die Ergebnisse sehr schlecht aus. Vom Zentner Erz konnten nur 16 Pfund Blei ausgebracht werden. Mehrere weitere Versuche unter der Leitung Pruggers persönlich wie auch unter Einbeziehung anderer Schmelzer erbrachten ähnlich dürftige Ergebnisse. Experimente des Verwalters Zehentner mit verschiedenen Zuschlägen lieferten deutlich bessere Resultate. Prugger, dem darüber berichtet wurde, beließ es bei seiner erfolglosen Methode ohne Zuschläge und gab lieber dem Ofen die Schuld an den Mißerfolgen.

Zum Glück gelang es Zehentner, im Tiroler Jenbach einen fachkundigen Schmelzer anzuwerben, der das Schmelzwesen in Gang brachte. Lanzinger, so hieß der Mann, erkannte sogleich, dass zum Durchschmelzen der Erze Zusätze von Kupferschlacken nötig seien, die aus Kössen bezogen wurden. So konnten aus 10 Zentner Erz 4,3 Zentner Blei gewonnen werden, ein ordentliches Ergebnis. Einige Monate lang wurden auf diese Weise täglich um die vier Zentner Blei erzeugt.

 

Mit Kössener Kupferschlacken war ein geeignetes Zuschlagmittel für den Schmelzprozess gefunden. Nachteil waren die anfallenden Kosten wegen des langen Transportweges, auch stieß der gesicherte Bezug auf Schwierigkeiten. So wurden vom Verwalter neuerliche Schmelzversuche durchgeführt und die Errichtung eines neuen Ofens, („Reverberierofen“) beantragt, der Kupferschlacken entbehrlich machen und Holz sparen sollte. Genehmigt wurde der Ofen vom Amt in München nicht.

 

Zu den Problemen bei der Verhüttung kam, dass die Erzanbrüche in den Stollen schon 1670 immer weniger wurden und die Häuer bei dem Modus der Entlohung (nach Bleigehalt) nicht bestehen konnten. Als auch noch der Bergamtsdirektor Prugger 1671 starb kam die Sache gänzlich ins Stocken. Auch beim obersten Amt in München war man wegen der schlechten Ergebnisse unzufrieden mit Folge, dass die Zuteilung finanzieller Mittel eingestellt wurde. Nach Reiser (26) lagerten 1674 bei der Schmelzhütte noch 3676 Zentner Erze verschiedener Gütegrade. In der Folgezeit blieben sämtliche Bemühungen von Einzelpersonen, die Sache wieder in Schwung zu bringen ebenso erfolglos wie weitere durchaus professionell angelegte Schmelzversuche mit unterschiedlichen Erzen und Zuschlägen.

 

1675 erhielten zwei Schmelzer mehr die Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Der erste mit Namen Rainer brachte die „Kärtner Art“ in Anwendung und kam aber – obwohl er einen Ofen für 241 Gulden errichten ließ – wieder zu keinen befriedigenden Ergebnissen. Besser erging es dem zweiten Bewerber namens Hesslmaier. Seine Schmelzversuche nach „Tiroler Art“ mit Zuschlägen von Alteisen in einem Ofen für nur 12 Gulden lieferten die doppelte Ausbeute von Blei. Hesslmaier wurde eingestellt und unter seiner Regie die Schmelze der einlagernden Erze ohne weitere Komplikationen bis 1677 vollendet. Zum Dank für seine Verdienste erhielt Hesslmaier eine Anstellung beim Salzamt, die Schmelzhütte wurde still gelegt.

 

Nach Reiser (28) wurden in der Amtszeit Zehentners 1665 bis 1677 etwa 1130 Zentner Blei gewonnen, die an Zeughäuser in München, Burghausen, Braunau und andere verschickt wurden. Die Einnahmen werden mit 9706 Gulden angegeben. Dazu kamen die Einnahmen aus dem Verkauf des Galmei, der bis 1668 unerkannt auf Halde gestürzt wurde. Nachdem man mehr oder weniger zufällig den Wert und Nutzen dieses Erzes (als Zinkträger) erkannt hatte, fielen in den Folgejahren bedeutende Mengen an. Gebrannter Galmei liefert, wie erwähnt, wenn er mit Kupfer zusammengeschmolzen wird, Messing. Aus dem Grund wurde in der Schmelzhütte auch ein Galmeibrennofen eingerichtet und 1669 in Betrieb genommen. Wenig später lagen bereits 835 Zentner gebrannter, zur Weiterverarbeitung geeigneter Galmei vor.

 

Ein dafür nötiges Messingwerk gab es damals allerdings, anders als im benachbarten Österreich, in ganz Bayern nicht. Nun gab es zwei Optionen: Den Galmei als Rohprodukt ins Ausland zu verkaufen oder die industrielle Verarbeitung im eigenen Land nach Errichtung eines Messingwerkes. Obwohl der Verwalter Zehentner mit großem Elan die Errichtung eines derartigen Werkes betrieb und die Vorteile einer eigenen Verarbeitung überzeugend darlegte – die Gewinne hätten um das 10fache gesteigert werden können – scheute man in München die veranschlagten 15 000 Gulden Investitionskosten. Nachdem weitere Verhandlungen mit Zehentner, der die Messingproduktion selber in die Hand genommen hätte, zu keinem Ergebnis kamen, zerschlug sich die Sache. Über 3000 Zentner Galmei, der noch bei der Schmelzhütte lagerte, wurde größtenteils nach Salzburg verkauft. Erst 1717 gelang – nach mehreren Anläufen – die Etablierung eines bayerischen Messingwerks in Rosenheim.

 

Bergbau am Rauschberg

 

Ungefähr zur gleichen Zeit wie am Staufen wurde am Rauschberg Bergbau betrieben, ebenfalls unter der obersten Leitung des Hofamtes München und ebenfalls in der Nordseite auf Blei und Galmei. Die früheste Aufzeichnung über einen Stollen stammt aus dem Jahr 1559. Der Bergbau dort ist eine eigene Geschichte und kann hier nur kurz behandelt werden.

Grundsätzlich war der Bergbau am Rauschberg wesentlich umfangreicher und auch ergiebiger als am Staufen, obwohl auch hier das Bergglück stark schwankte. Wesentlich scheint, dass immer wenn ein Werk schlecht lief, Hoffnungen auf besseren Bergsegen am Nachbarberg aufkamen. So auch ab 1672. Zu der Zeit schleppte sich der Betrieb am Staufen nur kümmerlich dahin, einerseits wegen der nachlassenden Erzanbrüche, andererseits wegen der unbefriedigenden Ergebnisse bei der weiteren Verarbeitung. Auch am nahen Rauschberg lief es schlecht, sodass man in München schon nahe daran war, den Betrieb überhaupt einzustellen.

 

1674 erhielten zwei Privatpersonen, Peter Pezolli aus Schwaz und der bis dahin in der Schmelzhütte in Nonn beschäftigte Paul Langburger das Bergwerk am Rauschberg auf zehn Jahre zur Pacht. Auf den Staufen verzichteten sie „wegen des rauen und groben Gebirgs“. Auch für die ihnen zur Nutzung angebotene Schmelzhütte in der Nonner Au meldeten sie keinen Bedarf an.

 

Obwohl man mit großem Eifer zu Werke ging war ließ das Bergglück lange auf sich warten. Eine Sage berichtet, dass Pezolli, praktisch pleite, den letzten Bergmann vor Ort gerade entlassen wollte und der noch eine letzte Sprengladung losschoss. Und diese Sprengung legte reichhaltige Erze frei, sodass das Werk in der Folgezeit zu neuer Blüte gelangte. Am Fusse des Berges wurde 1676 bis 81 eine Schmelzhütte errichtet (heutiger Ortsteil Schmelz der Gemeinde Inzell), die Zahl der Beschäftigten lag bei etwa hundert.

Bemühungen, die Pacht vor Ablauf auf unbestimmte Zeit zu verlängern, führten dazu, dass man in München Wind davon bekam, wie gut es im Bergwerk lief. Als Folge betrieb man 1681 unter mehr oder weniger fadenscheinigen Begründungen (angebliche Vertragsverletzungen) die Enteignung des Betriebes. Letztlich kam ein Vergleich zustande, nach dem die Betreiber „das gesamte von ihnen innegehabte Bergwerk am Rauschenberg einschließlich der Schmelz- und anderer Hütten, auch Werkzeug und Mobilien“ ohne Entschädigung an den Landesfürsten abtreten mussten.

 

Eine Unterbrechung oder Störung des Betriebes ergab sich durch den Führungswechsel nicht, das gesamte Personal wurde übernommen. Im ersten Jahr lief es ausgezeichnet und mit einer Belegschaft von 94 Mann gewann man 750 Zentner Bleierze pro Woche. Aber bereits 1684 wird berichtet, dass schon länger keine frischen Anbrüche mehr erschlossen wurden, man lediglich die vorhandenen Vorkommen weiter abbaue und neue Versuchsstollen dringend erforderlich seien. Ab 1691 war der Betrieb nicht mehr rentabel und musste bezuschusst werden, nachdem aber in den Vorjahren 1682 bis 90 ein Reingewinn von über 114 400 Gulden erzielt werden konnte (Reiser 44).

 

Als weder neue Suchstollen noch die erneute Belegung alter, bereits verlassener Stollen die erhofften Erzanbrüche lieferten, wandte man die Aufmerksamkeit wieder dem Staufen zu.

Der eingesetzte Kommissär Benno von Wurm fand bei einer Inspektion dort die Gruben voll Wasser, Eis und taubem Gestein, sodass vor der Aufnahme weiterer Arbeiten erst einmal das Wasser abgeleitet werden musste. Der zu diesem Zweck auf Anregung des Kommissärs angelegte Hilfsstollen wurde zu seinen Ehren „Bennostollen“ benannt. Klüfte im Berg, auf die man gestoßen war und in deren Tiefe man Erze vermutete, veranlassten die Anlage eines weiteren Stollens („Danielstollen“), der 1695 eine Länge von 55 Lachtern (Lachter: Längenmaß im Bergbau; 1 Lr. = 1,97 Meter) erreichte. Als man einige tausend Gulden verbaut hatte, ohne nennenswerte Erzvorkommen erschlossen zu haben, wurde 1696 der Bergbau am Staufen unter kurfürstlicher Regie eingestellt.

 

Die wenige verbliebene Belegschaft wurde zum Rauschberg verlegt, wo sich die Lage in der Zwischenzeit auch nicht wesentlich gebessert hatte. Um Kosten zu sparen, wurde der Schichtenbetrieb mit Festlohn abgebaut und die Arbeit einmal mehr Knappen überlassen, die den Abbau auf eigenes Risiko und Kosten betreiben durften (Lehenbetrieb). Die Genehmigung war allerdings stets nur auf acht Wochen befristet, sodass man bei günstigen Anbrüchen gleich wieder zum gewinnträchtigen Schichtenbetrieb wechseln konnte.

 

1699 war die Situation der wenigen noch im Schichtenbetrieb geführten Gruben so schlecht, dass man in München einmal mehr an die Einstellung des gesamten Betriebes dachte. Man wollte noch ein letztes unparteiisches Fachurteil einholen und gewann hierfür einen Bergsachverständigen aus Sachsen mit Namen Zeitler. Der beging mit seiner „Bergrute“ (Wünschelrute) die Stollen und verfasste einen schwülstigen Bericht über die Stellen an denen seine Rute angesprochen hätte. In unverwüstlichem Vertrauen auf die Richtigkeit dieser Angaben wurden weitere Gelder gewährt und unter schwierigen Bedingungen verschiedene Stollen angelegt, ohne allerdings die mindesten Erzspuren aufzufinden. Als es 1702 auch noch zu einem Wassereinbruch kam, bei dem sich die Arbeiter gerade noch retten konnten, folgte man nicht weiter den Empfehlungen des Bergsachverständigen und stellte den Schichtenbetrieb ein.

 

Auch für die im Lehenbetrieb geführten Stollen schien das Ende nah. Und doch sollte sich das Blatt noch einmal wenden. Zwei Arbeiter fanden etwas abseits des Hauptstollens nah an der Oberfläche Galmei, dem sie nachgruben und bald auf Bleierze stießen die in der Tiefe immer reichlicher wurden. Nach Ablauf der Kontraktdauer wurde der neue Bau vom Amt übernommen und im Schichtenbetrieb weiter geführt. Das Werk kam zu neuem Aufschwung, bis ein Ereignis eintrat, das ganz unerwartet eine neuerliche Wendung herbeiführte: der Spanische Erbfolgekrieg, in dessen Verlauf Bayern unter kaiserliche Herrschaft geriet. Im Sommer 1704 kamen österreichische Truppen zum Rauschberg, brannten die Gebäude in der „Schmelz“ nieder und auch die Stolleneingänge am Berg blieben nicht verschont. 1704 wurde das Bergwerk der kaiserlichen Administration unterstellt. Auch wenn „die Kaiserlichen“ das Werk zunächst zerstört hatten, ist zu sagen, dass es unter der neuen Verwaltung in der Folgezeit eine neue Blütephase durchlief. 1706 beschloss man den Wiederaufbau und ein Jahr später wurde die Arbeit in den Gruben wie in der Schmelze wieder aufgenommen. Die Führung des Betriebes galt als musterhaft und durch einen verbesserten Schmelzvorgang konnte die Bleiausbeute verdoppelt werden. So war der Betrieb hoch lukrativ. Nach Priesner (45) wurden während der 11jährigen österreichischen Regie 122.203 Gulden Reingewinn erzielt.

 

Am 22.1.1715 übernahm die bayerische Regierung erneut das Bergwerk. Trotz der guten Ausgangslage geriet der Bergbau bald wieder in Schwierigkeiten. Die Schuld daran lag bei der bayerischen Hofkammer, die den Betrieb lediglich als Geldquelle betrachtete. Wie zuvor am Staufen wurden auch hier die „Verlagsgelder“ (Gelder zur Deckung der Betriebskosten) zu spät oder gar nicht überwiesen. Nicht einmal das gewonnene Blei wurde ausbezahlt. 1719 konnte man nicht einmal mehr das als Zuschlag zur Erzschmelze aus dem Achthal bezogene Eisen bezahlen und das Werk kam zeitweise zum Erliegen. Auch die Erzvorkommen wurden immer weniger, sodass man dazu überging, die Halden zu überkutten. Die Lage schien wieder einmal aussichtslos und einmal mehr wurden doch neue Erzvorkommen entdeckt und zwar 1721 von einem Inzeller Jäger in der Nähe der Rossgasse. Einige Stollen, die man eintrieb, lieferten bis 1735 gute Ausbeute. Als diese zurückging und neue Versuchsstollen keine weiteren Erze erschlossen, brachen harte Zeiten für die Bergleute an. Alle Bemühungen in den Folgejahren, die Ertragslage durch Lehenbetrieb oder Schichtbetrieb zu bessern, blieben erfolglos. Zu all diesen Problemen kam eine neuerliche Besetzung des Bergwerks durch österreichische Truppen während des Österreichischen Erbfolgekrieges 1742. Die Besonnenheit und Umsicht des damaligen Verwalters verhinderten eine weitere Zerstörung. Nach acht Monaten zog der Feind wieder ab, die schlechte Ertragslage blieb.

 

Zwar fanden sich gelegentlich neue Galmeianbrüche, aber es fehlten die finanziellen Mittel zum Anlegen der nötigen Stollen. Außerdem war die Ablöse für das Erz so gering, dass die Knappen davon nicht leben konnten. In einem Bericht des Verwalters von 1755 heißt es, dass seit sechs Wochen kein Mann mehr eingefahren sei; „die jüngeren suchten anderswo Arbeit, die alten Knappen aber erklärten halb weinend, es möge Gott mit ihnen machen was er wolle, bei so geringem Lohn könnten sie nicht bestehen... Die Weiber aber führten ein solches Leidwesen, Weinen, Schreyen und Lamentieren unter den Leuten herum, dass es einen Stein erbarmen möchte“ (zit. nach Priesner 47). 1776 wurde der Bleibergbau am Rauschberg eingestellt.

 

Ab 1777 begann eine letzte Phase systematischer Suchtätigkeit, wobei sogar die nötigen Verlagsgelder bereitgestellt wurden. Man legte eine Reihe neuer Stollen an, ohne jedoch lohnende Anbrüche zu entdecken. Mathias Flurl bemerkte 1792: „Der ganze Rauschberg ist fast wie durchwühlt, und man zählt gegen 72 Stollen, welche in denselben zu 100 und noch mehreren Lachtern aufgefahren worden sind“ (S.156). Trotz durchschnittlicher Verluste von ca. 1000 Gulden jährlich setzte man diese Arbeiten noch bis 1826 fort. Da nennenswerte Anbrüche ausblieben, stellte man den Bergbau im Staatsbetrieb schließlich ein.

 

Noch heute sind am Nordabhang des Inzeller Kienberges (der zum Rauschberg gehört), oberhalb der „Schmelz“, die Halden der Bergbaureviere zu sehen, die sich auf drei Örtlichkeiten konzentrierten:

a) der Bereich des Joseph- und Barbarastollens unterhalb des Zenokopfes

b) das Ewiggangrevier mit Maria-Empfängnisstollen, Karlstollen, Lorenzsstollen und anderen unter dem Gipfel des Streicher.

c) der Strahleckerbau in der Nähe der Rossgasse

Die Lagerstätte war die bedeutendste für Blei und Zink im bayerischen Alpenraum.

 

Noch einmal zurück zum Staufen: Wie gesagt, wurde der Bergbau unter kurfürstlicher Regie dort bereits 1696 eingestellt. Nur einige wenige Knappen führten die Arbeiten im Lehenbetrieb weiter. Die letzten verließen den 1716 den Berg. 1736 bis 1739 wurde im Scheuerlwald überm Jochberg erfolglos nach Erzen gesucht. Mehrere Versuche privater Gesellschaften, den Bergbau später noch einmal in Gang zu bringen, blieben erfolglos. Am 7.9.1936 wurde das Bergwerkseigentum der „Blei- und Zinkgewerkschaft Rauschberg“ formell aufgehoben. Die offenen Stolleneingänge wurden 1972/73 versprengt.

 

Damit endet die wechselhafte Geschichte der Bergbautätigkeit am Staufen und Rauschberg, die dem Staat zeitweise gute Einnahmen, den Arbeitern zumeist kaum mehr als eine elende Plackerei brachte.

 

 

Literatur

 

Eicher Toni

Bergwerk am Rauschberg und Hochstaufen. In Heimatbuch Inzell, S. 43-52.

Hrsg. Gemeinde Inzell 2004

 

Flurl Mathias, von (1805)

15. Brief: Bley- und Gallmeybergwerk bey Inzell

In: Beschreibung der Gebirge von Baiern und der oberen Pfalz.

Neu herausgegeben von Gerhard Lehrberger, Eigenverlag, München 1992

 

Hofmann Fritz.:

Der Bergbau am Staufen.

In: Der Staufen. Aus der Geschichte eines Gebirges.

Bad Reichenhall 2003, S. 22-45

 

Höck J.:

Das Bergwerk am Rauschberg und Hochstaufen. In:

800 Jahre Inzell, Eigenverlag Gemeinde Inzell 1970, S. 296-301

 

Lang, J.: Geschichte von Bad Reichenhall, S. 398-399

 

Lossen W.

Zur Geschichte des Blei- und Galmeibergwerks am Hochstaufen und einer Schmelzhütte in der Nonnerau von 1585 – 1762

In: Heimatblätter 3 und 4 (1941)

 

Priesner Claus

Bayerisches Messing. Franz Matthias Ellmayrs Mößing-Werkh AO. 1780

Franz Steiner Verlag Stuttgart 1997

 

Reiser Karl A.

Geschichte des Blei- und Galmei-Bergwerks am Rauschenberg und Staufen in Oberbayern

Beilage zum 4. Jahresbericht der Kgl. Luitpold Kreisrealschule in München.

Schuljahr 1894/95

 

 

Bilder

1  Unweit des Gipfels in der Nordflanke des Staufens wurde ab dem 16. Jhd. Bergbau betrieben  

2  Staufengipfel (1771)

3  Die Stolleneingänge findet heute kaum noch jemand (Foto W. Krämer)

4  Das Reichenhaller Haus in Gipfelnähe